Interviews                     


Gespräche mit interessanten Musikern.

Zum Interview-Archiv

   
  Musik als Therapie    
Dossche
DOSSCHE
 

Es gibt heutzutage viele Kreative, allerdings nur selten findet sich die Zeit und Musse, um diese Kreativität ausleben zu können. Und nur wenige von der Kreativität gepackte haben den Mut und die Kraft, zweigleisig zu fahren, soll heißen, einen (Haupt)Beruf zu haben und "so nebenbei" noch den hehren Künsten zu frönen. Einen solchen Menschen, nämlich Dossche a.k.a. Guido Dossche, von Berufes wegen praktizierender Psychologe, haben wir aus aktuellem Anlass mal zu seinen "Neben"tätigkeiten befragt.

Was bringt einen Psychologen dazu, ein Album, überdies das zweite schon, herauszubringen?
"Der Psychologe hat bereits Musik gemacht, als er noch keiner war. Mit anderen Worten: Musik ist die Ausdrucksform, in welche mein kreativer Output wandert, Psychologe sein ist mein Beruf. Den mache ich zwar auch ganz gerne, aber wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich nur Musik machen. Um davon leben zu können, muss mein Album erfolgreich werden. Nicht zuletzt deshalb gebe ich ganz viele Interviews..."

Zu welchen Teilen sind die Texte autobiographisch, und welche Teile basieren direkt oder indirekt auf aktuellen Erfahrungen mit Patienten oder entstammen Lehrbüchern?
"Aus Lehrbüchern stammen meine Texte nicht, ebensowenig wie ich Erfahrungen meiner Patienten in den Texten verarbeite. Die Arbeit mit den Patienten ist vielleicht grundsätzlich etwas, was eine bestimmte Haltung oder auch schwere mit sich bringt und fördert, aber die texte geben alle einen Spiegel meiner eigenen Gedanken und Gefühlswelt wieder."

Welche Rolle spielt die Musik (aktiv und passiv) allgemein in deinem Leben?
"Musik ist für mich sehr sehr wichtig. Aktiv, weil ich seit meiner Pubertät in Bands spiele, Songs aufnehme, live spiele...und passiv, weil ich ebensolange Platten und Cds kaufe, Konzerte besuche und im Auto, beim joggen oder auch anderen Handlungen..., eigentlich immer Musik höre."

Schreibst du zuerst die Texte, und dann entsteht die Musik, oder ist der Konstruktionsprozess des Textes eng mit der Entstehung der Musik verwoben?
"Zuerst schreibe ich den Text. Das geschieht meist sehr schnell, es überkommt mich förmlich. Dann präsentiere ich den Text Matthias oder Bärbel, die meistens sagen: ohjeh, wie warst du denn wieder drauf? Dennoch fällt ihnen dann meist eine musikalische Umsetzung ein. Die bekomme ich dann bald darauf zu hören und gebe meine Kommentare dazu. Nachdem dann hier und da noch was geändert wird, nehmen wir dann die Vocals auf."

Bist du (respektive, seid ihr) mit der Produktion des zweiten Albums "Existenz" zufrieden? Siehst du verbesserungswürdige Schwachstellen des Sounds?
"Ich und wir sind sehr zufrieden mit Existenz. Wir haben 7 weitere Titel aufgenommen, die auch cool waren, die aber nicht so in den Fluß des ganzen passten. Insofern konnten wir wählen. Ich kann mir im moment keine soundverbesserung vorstellen, aber mir fällt bestimmt wieder was ein, was das nächste Album dann auch wieder etwas anders klingen lassen wird."

Im Platteninfo zu "Existenz" standen viele interessante Klassifierungsversuche ;-). Sind diese Klassifizierungen überhaupt anwendbar?
"Ich mag Klassifizierungen eigentlich gar nicht. Mal steht meine platte unter Pop, mal unter Alternative, mal unter Electronic, mal unter Gothic. Dies ist ja eigentlich bereits ein Hinweis darauf, dass mein Sound sich schlecht einordnen läßt. Das gefällt mir. Ich mache Musik, die mir gefällt, und bediene mich aller Einflüsse, die mir gerade passend erscheinen. Ich sehe mich deshalb auch nicht unbedingt einer bestimmten Szene zugehörig, wobei meine texte zweifelsohne 'dark' sind."

Was hat dich dazu bewogen, zwei Songs zusätzlich in einer "rmix"-Version auf das Album "Existenz" zu bringen?
"Bei 'Schwarz ist der Tag' ist der Grund jener, dass zwei Produzenten der Text gefiel, und sie beide eine Aufnahme anboten. Mir haben beide so gut gefallen, dass ich mich nicht entscheiden konnte. Außerdem gefällt mir der Text auch besonders gut. 'Blau' hingegen hatten wir in einer völlig anderen Version auf unserem letzten Album, aber irgendwie dachten wir, es könnte auch anders klingen. Da mir der Song sehr viel bedeutet, weil ich mich in ihm mit dem Tod meiner Mutter beschäftigt habe, dachte ich, okay, das Thema ist noch nicht gegessen, laß uns nochmal rangehen."

Was den vierten Track "Ich bin Gott" auf "Existenz" angeht: Wie stehst du als Psychologe und Musiker zur Rolle der Religion und Philosophie (z.B. zu Nietzsche) in unserem heutigen Leben?
"Ich interessiere mich nicht besonders für Religion. Ich stehe vor allen dingen fanatischen Anhängern – egal welcher Art von Religion – ausgesprochen skeptisch gegenüber. Auch strenggläubige Christen finde ich problematisch. Philosophie hingegen ist eine geile Sache, und Nietzsche hat in seinen Texten durchaus bewiesen, dass er das Leben in all seiner Härte durchritten hat. Er nannte sich im übrigen auch den Antichristen...Ich bin Gott ist kein religiöser Text, er setzt sich eher damit auseinander, dass manche Menschen glauben, alles um sich herum bestimmen zu können, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne ihr gegenüber als gleichberechtigtes Individuum zu sehen. So etwas hat ja in vielen Geschichten schreckliche Konsequenzen verursacht."

Was war der Grund dafür, ausgerechnet den 80er Jahre-Klassiker "Dreiklangsdimensionen" von Rheingold so ("E-Gitarre") und überhaupt diesen Track zu covern?
"Ihn zu covern ist dadurch begründet, dass unsere Version, die wir bereits länger live als Zugabe gespielt haben, immer gut angekommen ist. So hatte Bärbel schließlich die Idee, ihn dann in dieser Form aufzunehmen. Ich finde, es ist eine schöne Reminiszenz an die 80er Jahre. Ich mag den Song sehr, im original und in unserer Version."

Du bist praktizierender Psychologe, Musiker (i.e., Texter) und Gelegenheits-Schauspieler. Wo musst du Abstriche machen? Was wirst du weiter vertiefen, was wird eher auf der Strecke bleiben?
"Ich werde auf jeden fall weiter Alben veröffentlichen. Ein Roman ist auch fertig, und es gibt 2 ernst zunehmende Filmrollen Angebote. Wenn es nach mir geht, könnte der Psycho-Job ruhig noch etwas weiter reduziert werden..."

Welche Rolle spielt das Performen der Stücke vor Publikum im Verhältnis zum bloßen Aufnehmen des Albums?
"Das Performen entspricht dem Vorzeigen deines Babys. Das macht man doch, wenn man ein Kind bekommen hat, man verschickt Photos, weil man stolz ist. Das schönste ist natürlich, wenn die anderen das Baby mögen, wenn man ihm zuhört und es ankommt. Nur ist es meiner Meinung nach schwerer, ein Album zu machen als ein Baby, wobei beides spaß macht..."

Würdest du Leuten mit psychischen Problemen dazu raten, sich selber musikalisch (respektive textuell, allgemeiner künstlerisch) zu betätigen? Wo siehst du die Grenzen?
"Ja, das würde ich. Kunst, egal ob malen, musizieren, schreiben, filmen, dichten etc. ist eine wichtige und kreative Ausdrucksform des seelischen und kann somit bei psychischen Problemen einen kathartischen Effekt haben, somit die Selbstheilung und Stabilisierung fördern. Die grenze ist meist bei Geisteskrankheiten erreicht, d.h., wenn das, was derjenige herstellt, für den Betrachter nicht mehr nachvollziehbar ist. Das heißt aber nicht, dass es für den jeweiligen Menschen, der Kunst in einer solchen Ausgangslage herstellt, nicht auch wichtig sein kann. Halt gibt es allemal."

Zum Abschluß: Was sind deine Pläne für die nächste Zeit?
"Ich möchte gerne zum Jahresende eine umfangreiche Tour durch den deutschsprachigen Raum machen, evtl. als Special Guest für eine bekanntere Band. Ebenfalls bin ich im Gespräch, um einen Song zum Soundtrack eines amerikanischen Filmes beizusteuern. Ich schreibe neue Texte und drehe einen weiteren Film. Und wenn alles gut läuft, dann...wäre das sehr schön."

Vielen Dank für das Interview ...
"Gerne."

(jz)

Fotograf: Manfred Esser

Net: www.dossche.de

Top

 



Dossche: "Existenz" CD Zeitbombe/Indigo 2003
Dossche
"Existenz" CD
Zeitbombe/Indigo 2003




Dossche: "Dreiklangsdimensionen" MCD Zeitbombe/Indigo 2003
Dossche
"Dreiklangsdimensionen" MCD
Zeitbombe/Indigo 2003

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dossche, hörst du mich?