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Leisur Hive
LEISUR::HIVE
 


Die britische Band Leisur Hive wurde von Daniel Knowler und Maria Vellanz gegründet. Ihre Musik ist geprägt von der alten englischen New Wave- und Gothic-Schule. Im Jahre 2001 veröffentlichten Leisur Hive ihr Debüt-Album "Spasm". Zeitgleich wurde die Band um den Bassisten Mark Bishop (unter anderem auch bei Changer, The Panks oder Living With Eating Disorders tätig) sowie den Schlagzeuger Bob Leith (Cardiacs, ATV, Lydia Lunch etc.) erweitert. Demnächst erscheint ihr neues Mini-Album "3 Ton Edition".

Hat eurer Bandname eine spezielle Bedeutung?
Dan: Der Name stammt ursprünglich von einer Episode der englischen TV-Serie "Dr. Who". Aber nicht das du das jetzt falsch verstehst. Wir mögen weder Science-Fiction noch Fernsehen! Ich habe den Titel "The Leisure Hive" seinerzeit in der Zeitung gelesen und er ist mir nicht mehr aus den Kopf gegangen. Es gibt keine spezielle Bedeutung. Wir wollten einfach einen Namen, der weder eine musikalisch Richtung noch ein Konzept vorgibt. Das ist auch der Grund, warum wir aus Leisure das hintere E gestrichen haben. Das macht unseren Namen symbolhaft abstrakt.

In welchem Jahr habt ihr mit Leisur Hive begonnen?
Dan: Maria und ich haben 1999 gestartet. Wir haben aber beide schon vorher in anderen Kapellen Musik gemacht. Mitte 2001 gab es für uns die erste große Kurskorrektur. Als Mark (Living With Eating Disorders) und Bob (Cardiacs) mit ins Boot kamen. Sie haben uns sehr darin unterstützt unseren eigenen Sound zu finden.

Was hat euch musikalisch besonders geprägt und zum musizieren verleitet?
Dan: Als ich noch zur Schule ging, hat mir jemand ein Tape aufgenommen. Auf der ersten Seite waren die Einstürzenden Neubauten. Auf der zweiten Seite The Smiths. Das hat mein komplettes Leben umgeworfen.
Maria: Traditionelle irische Musik und Komponisten wie John Cage oder Yann Tierson. Ich trage immer ein Diktiergerät mit mir herum, weil mich Geräusche aus dem alltäglichem Leben mehr beeinflussen, als Musik von einer Schallplatte. Auch beim komponieren denke ich an Geräusche.

Ihr seit auf den Current 93 Tribut-Sampler "The Bells Shall Sound Forever" mit dem Song "Immortal Bird" vertreten. Mögt ihr Current 93?
Dan: Ja. Ich bin mir aber nicht sicher, ob unsere Version dem Song gerecht wird. Coverversionen sind eine Sache für sich.
Aber ja; ich mag Current 93 sehr gerne. Besonders die neueren Sachen, die auf's wesentlichste reduziert sind.

Das neue Mini-Album wird "3 Ton Edition" heißen. Welche Bedeutung hat der Albumtitel?
Dan: Wir haben das Album nach einer Siebdruckarbeit von Joseph Beuys benannt. Ursprünglich wollen wir ein komplettes Konzeptalbum nach Anlehnung an sein Schaffen einspielen. Wir kamen auf diese Idee, nachdem wir die Joseph Beuys' Ausstellung in der Tate Gallery besucht hatten. Dieses Projekt wurde aber nie veröffentlicht. Vom Namen konnten wir uns aber nicht mehr trennen, da ich auch seit vielen Jahren bekennender Beuys-Fan bin. Es ist eine Art Hommage an ihn.
Maria: Ich teile mit Beuys die Vorliebe für Filz. Mich fasziniert Filz seit meiner Kindheit. Was lag da näher, als das Album nach einem Werk von ihm zu benennen?

Demzufolge ist "3 Ton Edition" kein wirkliches Konzeptalbum, oder?
Dan: Nein. Es gibt aber mehrere gedankliche Motive, die sich durch das gesamte Album ziehen. Es handelt sich bei den meisten Songs um Liebeslieder. Ziemlich kaputte Songs, aber letztlich doch Liebeslieder.

Gehen wir ein wenig ins Detail...
Dan: Wie gesagt, Liebeslieder. In "The Opaque" beispielsweise geht es darum, sich jemanden verbunden zu fühlen, von dem man weiß, dass er nicht gut für einen ist. Aber man ist trotzdem bereit dieses Risiko einzugehen, egal was passiert. Es gäbe noch eine ganze Menge mehr zu erzählen und zu erklären, doch es fällt mir verdammt schwer mich über meine Arbeit zu äußern. Ich kann dir nicht sagen, was oder warum ich etwas schreibe. Ich hoffe, es gibt für den Hörer mehr für sich zu entdecken, als witzloses Gejammer. Ein anderer Song ("On Sectional Pad") ist inspiriert von einer Unterhaltung, in der es darum ging, nicht stark genug zu sein, sich selbst auszudrücken. Ich habe versucht, mich selbst nicht zum alleinigen Mittelpunkt der Songs zu machen. Ich möchte, dass sich auch fremde Menschen mit meinen Texten identifizieren können.
Musikalisch haben wir versucht gegenüber dem Erstling "Spasm" etwas zurückzunehmen. Wir haben viel ausprobiert und uns entschlossen das Werk knisternd und grobkörnig klingen zu lassen. Wie die Vertonung eines alten Fotos.
Maria: "Spasm" klang mechanisch und kalt, während "3 Ton Edition" flüssig, ja gerade zu organisch klingt.
Dan: Es gibt dennoch einige versteckte Anspielungen an die Werke Joseph Beuys in einzelnen Songs.

Gibt es schon ein Veröffentlichungsdatum?
Maria: Sobald wir es vollendet haben. Ich hoffe, das es nicht mehr allzu lange braucht. Möglicherweise schon im Februar.
Dan: Auf jeden Fall nicht sehr viel später. Wir suchen noch dringend einen Vertrieb. Was das musikalische betrifft, haben wir das letzte Mixing gerade hinter uns gebracht. Es gibt einige Hörproben aus "3 Ton Edition" im Internet.

Leisur Hive (Foto: Andrew Youngson)

Wie lange arbeitet ihr bereits an "3 Ton Edition"?
Dan: Die meisten Stücke haben wir Anfang 2003 geschrieben und im März eingespielt. Wir sind 2003 sehr viel live aufgetreten, so dass wir nicht in der Intensität an den Stücken arbeiten konnten, wie wir uns das vorgestellt hatten. Daraus haben wir dann die Konsequenz gezogen, dass wir uns auf die bisherigen Songs konzentrieren sollten. Wir haben sie teilweise neu eingespielt und daraus ein Mini-Album gemacht. Quasi als Appetizer für das neue Album, welches auch schon komplett geschrieben ist.

Kommen wir zu eurem ersten Album "Spasm". Besonders hervorstechend sind die Songs "A Response" und "Position".
Dan: Als wir "Spasm" einspielten lief nicht alles nach Plan. Ich habe damals wenig Schlaf gefunden und führte geradezu ein Einsiedlerleben. Die meisten Themenkomplexe erstrecken sich über das komplette Album. Nicht jedoch bei "A Response". Der Song ist daraus entstanden, jemanden so oft darüber reden gehört zu haben, wie einfach es ist, sich in Schwermütigkeit fallen zu lassen. Das ist mir schon aus den Ohren gequollen. "Position" ist eine dieser paranoiden Halluzinationen, in der es mir nicht mehr möglich war, zwischen meinem eigenen Körper und dem Rest des Raumes unterscheiden zu können...
Musikalisch haben wir uns damals leidenschaftlich der Wiederholungen hingegeben. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass wir das leider nicht komplett ausgereizt haben. Wenn wir jetzt diese Songs live spielen, verwandeln sie sich in intensive Loop-Monster. Songs in die ich mich komplett fallen lassen kann. Totaler Kontrollverlust. Ein Gefühl, das ich sehr liebe.

(bz/sz)

Fotograf (Farbfotos): Andrew Youngson

Net_1: www.leisur-hive.co.uk
Net_2: www.ic-musicmedia.com/leisurhive

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Leisur Hive
"Spasm" CD
(Operative Rec.) 2001
















































Leisur Hive: Daniel Knowler


Leisur Hive: Maria Vellanz


Leisur Hive: Mark Bishop


Leisur Hive: Bob Leith