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  Der Mensch und seine inneren Wut    
Grandchaos
g r a n d c h a o s
 


Tcheleskov Ivanovitch, bekannt von der Electro-Band IDLO, hat mit seinem Ein-Mann-Projekt Grandchaos vor einiger Zeit das Mini-Album "La Forge" veröffentlicht. Wir gingen mit dem sympathischen Belgier auf Tuchfühlung und sprachen mit ihm über seinen musikalischen Werdegang, seine aktuellen Projekte und seine Zukunftspläne.

Deine aktuelle EP heißt "La Forge". Bist du Star Trek-Fan oder kann man den Titel (auf deutsch: Die Schmiede) wörtlich nehmen?
Ich bin ein großer Sience-Fiction-Fan, aber nicht speziell von Star Trek. Ich bin mit TV-Serien, wie "Cosmos 1999", "The Sixth Sense" oder "The Age Of Cristal" aufgewachsen. Aber der Titel "La Forge" bezieht sich auf einen Ort, wo eine große Hitze vorherrscht, einen Ort, wo der Mensch unter Schmerzen etwas erschafft! Mit meinen Gefühlen und Sounds habe ich diese Vorstellung geschmiedet!

Was ist der musikalische Hauptunterschied zu deinem Nebenprojekt Grandchaos und deiner anderen Band IDLO (Ivanovitch Dans L'Ombre)?
IDLO war meine erste Band... Ich hatte sie mit meinem Bruder Trevosky gegründet, der für die Sounds zuständig war. Über 10 Jahre haben wir soliden Electro gemacht und auch Konzerte gegeben. Unsere Auftritte waren sehr visuell und apokalyptisch, wir trugen dabei immer eine Art Schutzkleidung: Sturzhelme, Fliegeranzüge, Lichtvorrichtungen und diverse Waffen. Das war Anfang der 80er, als die belgische Elektronik-Szene noch in den Kinderschuhen steckte. IDLO war ein Duo, wir arbeiteten mit einfachen Geräten wie JX3P, Juno 106, TR707, MSQ100... dies waren mit die ersten Midi-Synthesizer. Mit ihnen zu arbeiten, war oft nicht einfach, dafür aber auch sehr dynamisch. Um stets die annähernd gleichen Ergebnisse zu erzielen, musste man wirklich körperlich arbeiten. Die Maxi "Dag Command Dust 17" erzählt von dieser experimentellen Phase. 1994 hatten wir uns dazu entschlossen, unser Projekt auf Eis zu legen. Die darauffolgende, arbeitsfreie Zeit hatte ich dann genutzt, ein Nebenprojekt namens Grandchaos aus dem Boden zu stampfen, welches dann schließlich mein Hauptprojekt wurde. Mit Grandchaos betrete ich neues Land... Alleine zu arbeiten ist sehr viel einfacher, da es keine Einschränkungen mehr gibt... Ich bin mein eigener Boss und das ist bereits meine dritte CD.

Tcheleskov Ivanovitch (Grandchaos)

Woher nimmst du deine Inspirationen für die Themen deiner Songs?
Die Songs haben im Grunde verschiedene Nebenprodukten eines einzigen großen Themas als Gegenstand: Der Mensch, mit seiner Qual, seinen Ängsten und seiner inneren Wut, die zu allem führen kann. Ich erzähle vom Zustand des menschlichen Geistes und dieses Thema ist einfach unerschöpflich. Aber ich übertreibe es nicht... Ich mache minimalen Electro und die Texte sind auf das Wesentliche reduziert... Das Wesentliche wird so bewahrt. Die Wiederholungen spielen hier eine wichtige Rolle. Ich möchte damit einen tranceartigen Zustand erreichen. Daran arbeite ich ständig und ich denke, dass ich es mit meiner letzten CD "Ionize Me" geschafft habe.

Und welche Bands und Künstler haben dich musikalisch beeinflusst? Man hört klar eine Verbindung zum klassischen EBM...
Komischerweise sind es Bands aus den 70ern, die mich stark beeinflusst haben. Ich habe sehr den 77er Punk geschätzt, mit solchen Bands wie UK Subs, 999, Vibrators, Saints... und überraschenderweise auch andere Bands, Pop-Gruppen wie Devo, Suicide, Cabaret Voltaire oder Chrome. Punk-Rock hat mir den Anstoß, ja regelrecht den Neid, gegeben, meine eigene Musik zu machen. Die "Do it yourself"-Attitüde war ein richtiger Knall, eine richtige künstlerische Revolution. Von da an war alles möglich! Die Verbindung zum belgischen EBM ist sehr speziell. Ich persönlich finde, dass der Punk-Geist im Ausdruck der Songs stets präsent ist. Es ist das gleiche, was momentan bei Electroclash oder bei manchen Spielarten von Techno passiert, wenn wir jetzt mal den Mainstream außer Acht lassen. Ganz ehrlich, wenn ich mir manche Alben von Klinik, Click Click, Nitzer Ebb oder Dominion anhöre, berührt es mich jedes Mal, selbst noch nach Jahrzehnten... Ich habe in den frühen 80ern angefangen, Musik zu machen. Das ist meine Vergangenheit, meine persönliche Geschichte.

Wurden die Songs in einem Studio aufgenommen oder wurde alles in Heimarbeit gemacht?
Ich habe mein eigenes Heim-Studio. Unter guten Bedingungen ist es wirklich möglich, alles selber zu machen. Mein Studio ist direkt neben meinem Wohnzimmer. Über den Tag arbeite ich an meinen Maschinen, während sich meine drei Söhne Power Rangers, Spiderman und Bey Blade angucken. Oft beschweren sie sich über die Lautstärke der Musik, dann ziehe ich es vor, nachts zu arbeiten.

Was für ein Equipment benutzt du?
Mein Equipment besteht aus einer Novation Drumstation, einer Basstation, einem EMU Audity 2000, ein paar Effektgeräten im Rack (KORG A3, Roland DEP5, Sony DPS-V55M, Boss VT-1), einem Studiomaster Mixdown (16/8/2) und einem Mac G4, auf dem Pro-Tools und Logic läuft. Für das Monitoring habe ich zwei NS-100M Studio, die mit zwei JBL Control 5 kombiniert sind, gewählt. Ich habe außerdem ein paar Plug-Ins, die mit Pro-Tools leicht zu bedienen sind. Mein Studio besteht zu einem Teil aus virtuellen und zum anderen Teil aus echten Instrumenten. Ich schätze sehr den physischen Kontakt beim klassischen musizieren, ich gebe aber zu, dass es virtuell einfacher ist.

Du veröffentlichst auf deinem eigenen Label "Galaxy Records". Wie kam es dazu?
Das Label würde für die Veröffentlichung der letzten IDLO-CD gegründet. Genauso, wie, je nach Projekt, alle Tracks zu 100% von mir und Trevosky oder von mir alleine produziert werden, finde es logisch, mein eigenes Label zu haben. Es ist natürlich immer möglich, Lizenzen zu vergeben, wenn andere Labels interessiert sind. Für "La Forge" habe ich die CD und die Promotion komplett selbst finanziert. Es wurden 250 Exemplare an Radio-Sendern, Webzines, Magazine und Bands verschickt und die Resonanz war sehr gut! Ich finde es gut, mir die verschiedenen Aspekte der Musik anzueignen. Ich mag es, das Artwork selbst zu realisieren, all meine Ideen auszuschöpfen. Aber für "Ionize Me" habe ich Jirko gefragt, das Cover zu entwerfen. Manchmal ist es besser, sich einen neuen Look zu verpassen. Das Ergebnis hat meine Erwartungen voll erfüllt. Ihr werdet es bald sehen... Die nächste Veröffentlichung auf Galaxy Records wird ein Remix-Album mit alten IDLO-Songs sein. Ich habe ein paar Bands gebeten, mit eigenen Versionen unser Universum neu zu interpretieren. Cdrik (B), Imminent (B), Bak XIII (CH), OPale (B), Metamorphose (B), Matière & Mémoire (B), Progeria (F), Muckrackers (F), Shizuka (F) und andere haben sich in dieses Abenteuer gestürzt. Es gibt ein paar Überraschungen, da manche Bands aus einer ganz anderen musikalischen Richtung kommen. Ich mag diese Idee, da es so nicht langweilig wird. Es wird wohl noch dieses Jahr erscheinen. Ich hoffe auch, bald ein Album rausbringen zu können, um meine zukünftigen Konzerte zu bereichern.

Tcheleskov Ivanovitch (Grandchaos)

Was hältst du von der aktuellen Entwicklung in der Electro-Szene? Stichwort 'Futurepop'...
Ich mag all die Alben, die Covenant, VNV Nation und Assemblage 23 gemacht haben. Ich mag vor allem diese verärgerte Melancholie, die ich in ihren Songs heraushöre. Auch wenn ich musikalisch in eine komplett andere Richtung gehe, fühle ich mich ihnen durch die Vermittlung dieser gewissen Traurigkeit nahe. Wolfsheim, Deine Lakaien oder Melotron haben genauso diese Momente des Glücks. Ein langweiliger Aspekt an Futurepop oder Synthpop ist der Überfluss an Remixe. Die letzte CD, dich ich mir anhörte, beinhaltete 13 Versionen des ein und dem selben Songs! Das ist einfach zu viel, oder sie sollten wenigstens das Risiko einzugehen, sich bei der Wahl ihrer Remixer nicht im gleichen musikalischen Umfeld aufzuhalten. Wenn VNV Nation von Laurent Garnier oder Chicks On Speed geremixt würden, würde das viel mehr her machen.

Kann man dich in nächster Zeit live sehen?
Zur Zeit bereite ich mich auf Live-Auftritte vor. Ich denke, ich werde 2005 dafür bereit sein. Ich arbeite mit einem Freund, Olivier Thibaut, zusammen, der mit ein paar Projekten wie OPale (Industrial/EBM) oder Métamorphose am Start ist. Er wird auch demnächst bei IDLO dabei sein. Er hat zu diesem Zweck zwei Remixe angefertigt. Der Effizienz und Einfachheit halber, werden wir bei den Konzerten zwei Laptops benutzen. Und vielleicht wird es wieder Video-Projektionen geben, wenn ich die Zeit finde, mich darum zu kümmern...ich vermisse die Konzerte; es sind magische Momente. Es ist eine Entdeckungsreise von Menschen und Räumen - ich platze fast vor Ungeduld!"

Um noch mal auf "Ionize Me" zurückzukommen, was kann man von diesem bald erscheinenden Album erwarten?
Die Aufnahmen und das Artwork sind praktisch fertig. Ein deutscher Künstler hat das Cover entworfen; er versteht es, Atmosphären zu erzeugen. Man kann sich seine Arbeiten auf seiner Website anschauen. Er ist sehr talentiert und hat viele Ideen. Ich stieß zufällig im Internet auf ihn. "Ionize Me" wird in ein paar Monaten veröffentlicht. Ich werde ein Minialbum machen, weil das Format perfekt zu meinen Songs passt. Ich mag nicht das Format vieler Alben, mit vielen Songs und noch zusätzlichen Bonussachen... Die Einfachheit ist immer am wirkungsvollsten!

(mk)

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Grandchaos
"La Forge" CD
(Galaxy Records) 2004