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  Hose runter, Moses!    
Errorhead
ERRORHEAD
 


Wie klingt moderne Gitarrenmusik anno 2004? Wie schafft man es, in gerade mal 35 Minuten zu zeigen, was man bereits von der Welt gesehen hat, und was man gerne noch sehen möchte? Und wie sieht eigentlich der positive Gegenentwurf zu Dieter Bohlen, dem selbsternannten "Gitarristen von Thomas Anders", aus? So oder so ähnlich lauten die Fragen, mögliche Antworten liefert "Error Rhythm", das zweite Album von "Errorhead", der im bürgerlichen Leben Marcus Nepomuk Deml heißt...

Wie oft musst du dir eigentlich dämliche Wortspiele mit deinem Nachnamen gefallen lassen?
Das hat sich bis jetzt keiner getraut!

Dein neues Album "Error Rhythm" ist sehr facettenreich. Jeder, der dich in eine Schublade stecken möchte, bekommt ernsthafte Probleme. Darf ich dir unterstellen, dass du diesen Zustand richtig genießt?
Ich gehe völlig unbefangen an die Produktion einer Platte heran und versuche lediglich Musik zu machen, die ich gerne als Zuhörer konsumieren würde. Niemals würde ich versuchen, krampfhaft innovativ zu sein. Das Allerwichtigste ist, dass der Zuhörer emotional berührt wird, und wenn das passiert, freue ich mich wie ein kleines Kind!

Gibt es eine Musikrichtung, mit der du überhaupt nichts anfangen kannst?
Polka, Deutsche Volksmusik, Death Metal, Dieter Bohlen, Jeanette Biedermann und natürlich die Talentlosenvereinigung der "Superstars".

Ich habe gelesen, dass Rock für dich früher "Untermusik" war - ungefähr bis du 17 oder 18 Jahre alt wurdest. Mit welcher Musik bist du aufgewachsen und wer hat dich "bekehrt"?
Gary Moore hat mich mit 17 zurück zur Rockmusik gebracht und dadurch mein Leben verändert. Davor hatte ich die feste Absicht, Jazzgitarrist und Filmkomponist zu werden, wobei ich diese Ziele nie aus den Augen verloren habe und auch heute noch verfolge.

Geboren wurdest du in Prag, gelebt hast du in Wien, Salzburg, Frankfurt, Los Angeles und Hamburg. Welcher dieser Orte hat dich am meisten geprägt - in musikalischer, aber auch in menschlicher Hinsicht?
Jede dieser Städte war wichtig und prägend für mich, denn musikalische und persönliche Entwicklungen laufen sowieso Hand in Hand ab: Das soziale Umfeld ist sehr prägend und genauso wichtig wie das musikalische! Es war äußerst wichtig, dass ich mich mit so vielen Einflüssen umgeben habe, wie es niemals in einer einzigen Stadt oder einem einzigen Land hätte geschehen können...

Hatte dein Aufenthalt in L.A. ausschließlich berufliche Gründe, oder warst du einfach neugierig, wie es auf der anderen Seite des Atlantiks zugeht?
Ich wollte mich für einige Jahre voll und ganz darauf konzentrieren, meine kompositorischen und instrumentalen Fähigkeiten zu entwickeln, und ein Ortswechsel fördert die eigenen Kräfte. Damals war Los Angeles der richtige Ort dafür, weil diese Stadt komplett "gitarrenverrückt" ist und man überall spielen konnte.

In Asien bist du - wenn ich richtig informiert bin - bislang aber noch nicht gewesen. Trotzdem klingen die ersten beiden Stücke auf Deiner neuen CD ("The Way To..." und "Bhakti") ziemlich "indisch". Was hat Dich inspiriert: Die letzte Panjabi MC-Platte oder doch eher eine Gerd Ruge-Doku?
In Asien war ich leider wirklich noch nicht. Die erste Inspiration war irgendein Hippie-Film, bei dem die ganze Zeit Musik von Ravi Shankar lief. Dann hörte ich die Musik von Shakti und war von ihrer Kraft und Schönheit zutiefst beeindruckt, woraufhin ich mich natürlich auch ein wenig damit beschäftigte. Dennoch habe ich die Musik nie im traditionellen Sinne studiert, sondern lasse lediglich europäisch gefilterte Eindrücke einfließen.

Marcus Nepomuk Deml (Errorhead)

Vor deiner Solokarriere hast du bereits für zahlreiche bekannte Leute aus der Musikszene gearbeitet: Nena, Laith Al-Deen, Saga, Snap und das Rödelheim Hartreim Projekt, um nur einige zu nennen. Hattest du damals auch Einfluss auf die Musik Deiner Auftraggeber, oder kann man deinen Job als Studio- und Livegitarrist mit dem eines Postboten vergleichen, der lediglich Briefe austrägt, die andere Leute geschrieben haben?
Ein richtiger Sessiongitarrist, der auch Werbejingles einspielt, war ich nie, und hatte deshalb auch das Glück und Privileg, kreativ mit anderen Künstlern arbeiten zu dürfen. Es gab aber selbstverständlich auch schon Sessions, bei denen lediglich Handwerk verlangt wurde, was nicht ganz so spannend war, aber je nach Künstler auch eine Herausforderung sein konnte.

Erzähl' uns doch bitte von deinem lustigsten Erlebnis mit Moses Pelham!
Ich fragte mich immer, ob seine Hose über die Arschbacken rutschen würde, denn je mehr er sich auf der Bühne in Rage rappte, schien seine Hose sich in Richtung Fußboden zu bewegen. Ansonsten waren beide Tourneen und auch die Studioarbeit sehr angenehm.

Was denkst du über The Prodigy, die Chemical Brothers oder Apollo 440, die bereits erfolgreich Techno-Beats mit E-Gitarren verknüpft haben? Vor allem "Rocket-Boy" auf deiner neuen CD verfolgt einen ähnlichen Ansatz...
The Prodigys "The Fat of the Land" ist ein bahnbrechendes Meisterwerk! Mit den Chemical Brothers und Apollo 440 bin ich nicht so vertraut... "Rocket-Boy" ist ein sehr spezieller Song auf dem Album, obwohl er sich nahtlos in den anderen Wahnsinn einzufügen scheint. Ob der Ansatz der gleiche ist, vermag ich nicht zu beurteilen...

Und wie stehst du Künstlern wie den Strokes oder den White Stripes gegenüber, die eher nach "klassischen Vertretern" des Rock'n'Roll klingen?
Die White Stripes finde ich sensationell...

Aber ihr Erfolg könnte auch dafür sorgen, dass viele junge Bands künftig lieber "auf Nummer sicher" gehen und versuchen, Hits nach herkömmlichen Mustern zu schreiben, anstatt neue Dinge auszuprobieren: Wäre das nicht ein bedauerlicher Rückschritt für die Rockmusik?
Die Bands, die sich auf das alleinige Kopieren altbewährter Klischees konzentrieren, tun dies entweder aus Respekt gegenüber den Innovatoren, oder weil ihnen die Plattenfirma dies nahegelegt hat. Da 90% der bekannten Künstler heutzutage den Plattenfirmen Folge leisten, muss man sich schon ein wenig umschauen, um originelle Acts zu finden, was wiederum bei oberflächlicher Betrachtung als Rückschritt, aber noch nicht als Untergang zu werten ist! Musik bleibt letztendlich ein Bauchgefühl, und ob dieses durch drei Akkorde oder durch eine Sinfonie gefüttert wird, ist doch völlig egal. Ich finde technisch einfache Musik genauso wertvoll wie virtuose Geschichten. Die Zuhörer werden diese Bewertung - sofern sie ehrlich zu sich selbst sind - auch nicht vornehmen...

(af)

Net_1: www.errorhead.com
Net_2: www.electricguitarplayer.com

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Errorhead
"Error Rhythm" CD
(Electric Guitar Player/Soulfood)
2004










































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