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Gespräche mit interessanten Musikern.

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  Was Eigenes!    
Marr (Foto: Stefanie Frey)
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Vor ihrem Konzert im Berliner Magnet Club nahmen sich Sänger Jan Elbeshausen und Drummer Andre Frahm von Marr Zeit für meine Fragen. Wir sprachen über ihre Tour und das schöne Gefühl, Musik zu machen.

Eure Tour geht diese Woche zu Ende - wie lief sie bisher? Seid ihr zufrieden?
Andre: Echt eine Spitzen-Tour! Vom Zwischenmenschlichen bis hin zu den Zuschauerzahlen hat alles gestimmt. Ich bin sehr überrascht, dass alles so gut läuft und wir einen Besucherdurchschnitt von ca. 170 Leuten haben. Die Platte ist ja erst seit knapp vier Wochen draußen und dafür ist das sehr sehr gut. Einige Leute, die schon lange im Booking-Geschäft tätig sind, sind sogar überrascht, dass es so nach vorne geht. Auch die Resonanz in der Presse ist groß.

Und wie reagiert euer Publikum auf euren Konzerten, singen sie schon alles mit?
Jan: Es ist das erste Mal, dass wir uns mit den wirklichen Reaktionen des Publikums auseinander setzen. Mit den EPs haben wir uns erst mal nur nach draußen gewagt, aber das Album ist jetzt wirklich offiziell. Es ist nicht so, dass die Leute die Stücke kennen oder mitsingen. Sie feiern nicht unbedingt in den ersten Reihen ab, ist vielleicht auch nicht die Musik dazu. Vielleicht ist Marr auch gar nicht so eine Mitsing-Band.

Marr (Foto: Miguel Ferraz Araujo)

Die Leute singen auch bei Elektro- und Synthi-Pop-Bands mit ...
Jan: Na ja, ok ... (GRINST)
Wir sind übrigens mit Finn unterwegs, einer Band aus Hamburg, Freunde von uns. Das war eine gute Erfahrung. Wir wollten nicht einfach ins Blaue hineinfahren und dann erst gucken, mit wem wir zusammen spielen. Also haben wir gesagt, wir fahren zusammen los und das klappt sehr gut.

Wie übersetzt ihr den Titel eures Albums "Express And Take Shape"?
Jan: Grob umrissen geht es um einen Prozess, in den man sich hinein bewegt, sobald man aus einer Phase der Orientierungslosigkeit und Unzufriedenheit eine Idee für sich entwickelt hat, die man gerne umsetzen möchte. Und in diesem Fall ist es das Konzept, eine Band zu finden und Musik zu machen. Und dann überlegst du dir das und versuchst die Idee irgendwie umzusetzen. Das ist eine Berg- und Talfahrt und ein ziemlich steiniger Weg. "Express And Take Shape" drückt das für mich aus. Den Versuch, den Wunsch umzusetzen und eine Form dafür zu finden, die für mich einen Sinn ergibt. Und in diesem Prozess sind wir mit Marr zur Zeit bzw. seit wir mit Marr angefangen haben.
"Express And Take Shape" drückt eine Ambition und einen Anspruch an die Herangehensweise des Musikmachens aus. Ganz konkret ist es wahrscheinlich ein künstlerisches Coming-out. Dann tauchen auch auf einmal die ersten Zweifel auf, Kann ich das überhaupt? Interessiert es irgend jemanden? Was soll das alles? Aber irgendwie glaubst du trotzdem daran, dass es da ist, sonst hättest du den Wunsch und den Drang nicht danach. Es ist halt immer ein Wechselspiel.

Das ist aber auf alle anderen Jobs oder Berufe auch übertragbar.
Jan: Sicherlich, das kannst du auf alles umlegen. Für mich steht "Express And Take Shape" jedoch in Zusammenhang mit dem Musikmachen. Musik zu gestalten, so dass es eine Selbstverständlichkeit für mich annimmt. Und es ist keine Aufforderung an andere, etwas zu tun, sondern einfach der Prozess einer Auseinandersetzung.

Marr (Foto: Miguel Ferraz Araujo)

Wie beschreibt ihr eure Musik?
Andre: Sehr energetisch und natürlich sehr gitarrenlastig. Auf jeden Fall im Indie-Gitarrenrock-Bereich angesiedelt.
Diese Frage führt musikalisch auf die Express-And-Take-Shape-Frage zurück. Der Prozess, den wir im Studio hatten, war für mich sehr interessant. Es gab gewisse Koordinaten, zum Beispiel gewisse Gitarrenmelodien bei Travis oder The Mars Volta. Obwohl ich mit letzteren nicht so recht konform gehe. Im Nachhinein war dies aber ein sehr guter Weg, nicht nur, sich an der Herangehensweise anderer Bands zu orientieren. Gerade durch die Schule von Swen Meyer, der uns hervorragend unterstützt und uns natürlich auch 'produziert' hat, hat sich der Sound und die Band weiter entwickelt. Letztendlich ist das Album ein bisschen poppiger geworden als wir am Anfang dachten. Das ist aber mein ganz persönliches Bild. Musik zu beschreiben finde ich immer relativ schwierig.
Jan: Bei Marr kann man immer davon ausgehen, dass Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang klassische Konstanten sind. Wir sind eine Rockband. Aber die Art und Weise, wie wir Musik machen und wie wir Musik hören oder was uns interessiert, das ist, glaube ich, ziemlich offen. In dem Moment, wo wir zu viert in einen Raum gehen und Stücke fertig schreiben, da kommen vier Individuen zusammen und dann tauschen wir uns aus und es kommt etwas dabei heraus, was dann klingt, wie unsere Band.

Wie schreibt ihr eure Songs?
Jan: Ich schreibe Texte parallel zur Musik. Vom Songwriting her ist es so, dass die Ideen meistens von Dennis oder mir kommen. Dann treffen wir uns zu viert und setzen sie um. Wir versuchen es, demokratisch in eine Form zu bringen.

Ist ja eigentlich auch der spannendere Weg.
Jan: Ja, denn hinterher hast du dann den Moment, dass es für alle kickt. Nicht, dass nur du als Songschreiber das Gefühl hast, mal wieder eine große Tat vollbracht zu haben. (LACHT)
Andre: Diesen ganzen Prozess - da, wo das Lied anfängt und da, wo es letztendlich ankommt - finde ich bei Marr sehr spannend. Einen Song zu hören, zu spielen, aufzunehmen, wieder anzuhören, bis auf einmal bei allen das Gefühl da ist, dass es genau das ist, was wir machen wollen. Dann kickt es für alle. Und alles kommt wieder auf einen Punkt: die Einflüsse, die Herangehensweise anderer Bands, die letzten Jahre, in denen wir alle auf verschiedenste Weise Musik gemacht haben.
Und wenn man dann noch auf der Bühne steht und merkt, dass der Song wirklich funktioniert und Leute danach ankommen und ehrliche Statements abgeben, dann das ist ein gutes Gefühl. Das macht Spaß und ist das, was Marr, glaube ich, einen Tick besonders macht.
Es kommen viele Leute an und sagen, irgendwie haben wir zwar schon mal gehört, was ihr so spielt, trotzdem ist es was Eigenes. Es ist individuell und sehr authentisch. Und das kommt von Leuten, die schon lange Musik hören und sich intensivst damit beschäftigen. Das ist dann ein schönes Gefühl und resultiert ebenfalls aus der Band.

Mein Lieblingssong von eurem Album ist ja "Are you there?"
Jan: (FREUT SICH) Schön!

Ja, allerdings weiß ich nicht so genau, worum es in dem Song geht, da ich keinen Songtext gefunden habe. Warum ist es so schwer an eure Texte heranzukommen?
Jan: Beim Booklet haben wir uns darauf beschränkt, Auszüge aus den Texten abzudrucken. Vielleicht stellen wir die Texte nach der Tour auch auf die Homepage. Vielleicht interessiert es jemanden, vielleicht aber auch nicht. Ich denke immer, dass ich nicht unbedingt etwas mitzuteilen habe. Ein Text ist für mich eher ein Ausdruck und gleichbedeutend mit der Musik. Es kamen aber schon öfter Kommentare, dass man Sachen nicht verstehe. Ich freue mich darüber. Ich will mich damit auch nicht verstecken.

Könnt ihr von eurer Musik schon leben?
Andre: Davon leben können wir noch auf keinen Fall. Wir haben Nebenjobs und versuchen, alles auf eine Ebene zu bringen, auf der man leben kann. Olli und Dennis schlagen sich zudem mit Tomte durch und bei Marr fängt es jetzt langsam an. Wir haben natürlich alle sehr viel investiert, nicht nur Zeit. Insofern muss jetzt erst mal ein bisschen was reinkommen. Ich glaube, wir sind da gerade auf einem ganz guten Weg, aber es ist auch nicht das oberste Ziel, nur davon leben zu können. Da geht es noch um viel mehr. Wenn man es will, dann schafft man das. Dann geht's halt einfach.

Was kommt nach der Tour?
Jan: Wir spielen noch drei Termine und danach kommen auch schon bald die Festivals, unter anderem das Immergut und das Berlinova. Eventuell spielen wir noch auf ein paar anderen diesen Sommer, es ist noch nicht alles definitiv. Olli und Dennis haben auch noch mit Tomte Konzerte und wir machen uns auch schon Gedanken über eine nächste Tour. Aber diese Tour rundet das Album jetzt erst mal ab.
Andre: Wir drehen auch noch ein zweites Video, eine zweite Single sozusagen, obwohl wir noch nicht mal die erste ausgekoppelt haben.

Was war die nicht ausgekoppelte erste Single?
Andre: "JD Mac Kaye". Dazu gibt's ein Video, das auf den einschlägigen Musiksendern auch schon mehrmals gespielt wurde. Man kann es sich auch von unserer Seite runterladen. Mal sehen, welchen Song wir uns als nächstes vornehmen.
Dann gibt's auch noch zwei, drei Sachen, die wir machen wollen, um musikalisch weiter zu kommen. Erst die Festivals, parallel einige Wochenend-Konzerte, im Herbst/Winter eine weitere Tour und dann ist das Jahr auch schon fast vorbei.
Wir brauchen jetzt aber erst mal eine Pause, denn es ist nicht nur die Tour, die hinter uns liegt, sondern es war echt ein Prozess. Vor einem Jahr haben wir unsere zweite EP aufgenommen und sieben Monate später sind wir ins Studio gegangen und haben unser Album eingespielt, das Video gedreht, zwischendurch zwei Touren im letzten Jahr, Olli und Dennis waren auch noch mit Tomte unterwegs und so weiter. Es war schon eine Menge, was die letzten zwölf Monate passiert ist. Wenn ich das alles so Revue passieren lasse, überrollt mich das gerade so ein bisschen. (LACHT)
Jan: Ich habe eh nie Geduld, mich auszuruhen, hab' dazu auch gar keine Lust. Wir haben lange genug darauf gewartet, dass das so passiert, wie wir das jetzt machen und ich will immer weiter. Aber das, glaube ich, wollen wir alle. Und deswegen machen wir weiter wie gehabt und hoffen, dass alles weiter wächst und wir mit der Band immer noch weiter kommen.

(sf)

Fotografin (live): Stefanie Frey
Fotograf (Promo_1): Miguel Ferraz Araujo
Fotograf (Promo_2): Ronald Mencke

Net: www.marr-music.de

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Marr
"Express And Take
Shape" CD
(Grand Hotel van Cleef/Indigo)
2004











































































































































































Marr (Foto: Ronald Mencke)




















































































Marr (Foto: Ronald Mencke)