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  Das große Abenteuer    
Michael Rother (Foto: Hadley Hudson)
michael rother
 


Begibt man sich auf die Suche nach den Urvätern der deutschen elektronischen Musik, was in diesem Falle auch mit der Suche nach den Wurzeln elektronischer Klangkunst überhaupt zu tun hat, so wird man an MICHAEL ROTHER kaum vorbeikommen.

Ganz grob kann man die Anfänge der experimentellen elektronischen Musik zu Beginn der 70er Jahre in zwei rein örtlich getrennte "Schulen" unterteilen:
Einmal die "Berliner Schule", zu der hauptsächlich die Band Tangerine Dream und ihre Ableger wie z.B. Klaus Schulze gehören. Dem gegenüber stand die "Düsseldorfer Schule". Diese Gruppe ist stilistisch nicht ganz so einfach zu definieren, obwohl ihr Ursprung hauptsächlich eine Band, nämlich Kraftwerk war. Aus dieser Formation entwickelten sich - fast zeitgleich Bands wie Neu!, Harmonia, Cluster - und später auch La Düsseldorf! Definierten sich Tangerine Dream z.B. trotz des Gebrauchs des elektronischen Geräts weiterhin als Rockband, deren Image konform ging mit dem der "progressiven" britischen Bands jener Zeit wie Pink Floyd oder Genesis und die sich auch durch opulente, teilweise überladene Soundgebilde einen Namen machen konnte, so waren die "Düsseldorfer" Bands allesamt nicht nur rein optisch stilbewußter, sondern vertraten schon auf ihren Frühwerken durchaus einen minimalistischen Ansatz.

Im Gegensatz zu Tangerine Dream oder Klaus Schulze, deren Wurzeln oftmals recht offensichtlich der Rock und die Klassik waren, waren die frühen Kraftwerk von der musique concrete inspiriert, jene frühe elektronische Kunstbewegung, die "konkrete" Geräusche des Alltags elektronisch verfremdete und neu montierte. Dieser programmatische Ansatz ist schon bei den frühen Kraftwerk und Stücken wie dem mechanischen "Ruckzuck" zu finden, einher gehend mit dem Faible für (im positiven Sinne!) sehr einfache, naive Melodien, die nicht ohne Grund an Kinderlieder erinnern....!

MICHAEL ROTHER ist - neben Ralf Hütter und Florian Schneider von Kraftwerk - einer der Musiker, der diese "Schule" maßgeblich geprägt hat. MICHAEL ROTHER begann seine Karriere bei Kraftwerk. Eine Phase, die heute - vor allen Dingen von Kraftwerk selbst! - gern verschwiegen wird. Zwischen dem 70er Kraftwerk-Debüt und dem zweiten Kraftwerk-Album, das Ende 1971 eingespielt wurde hatte der spätere Kraftwerk-"Kopf" Ralf Hütter die Band kurzfristig verlassen und die Band tourte in der Besetzung Florian Schneider, Klaus Dinger und Michael Rother durch die deutschen Lande. Im Gegensatz auch zu dem bereits sehr stringenten ersten Kraftwerk-Album waren die Klänge, die diese drei Musiker produzierten, weitaus improvisierter und atonaler als alles, was die Band mit Hütter davor und danach aufgenommen hatte. Es wurde seinerzeit sogar darüber nachgedacht, in dieser Besetzung das zweite Kraftwerk-Album aufzunehmen, doch die Ergebnisse der nicht sehr erfolgreichen Sessions beim Kölner Produzenten Conny Plank lagern heute in den Archiven von Florian Schneider (MICHAEL ROTHER mutmaßt, dass er sie sogar gelöscht haben könnte...!).

Nachdem sich Florian Schneider 1971 wieder mit Ralf Hütter zusammentat und Kraftwerk zu Ruhm und Ehre führte, gründete ROTHER mit Klaus Dinger das Duo Neu!.

NEU! (Foto: Thomas Dinger)

Zwischen 1971 und 1975 nahmen Neu! drei richtungweisende, klassische Alben auf, die mehr noch als Kraftwerk oder Tangerine Dream international renommierten Kollegen wie David Bowie oder Brian Eno als Vorbild und Inspirationsquelle dienten (man vergleiche nur einmal das Stück "Hero" von dem 75er Neu!-Album mit Bowies 1977 eingespieltem ""Heroes""...!) Neben ihren gelungen, innovativen Klangexperimenten, bei denen Neu! gerade in der Verfremdung konventioneller Instrumente wie Gitarre oder Schlagzeug großen Ideenreichtum bewiesen, wurde die Band nicht zuletzt durch die Reibung der beiden sehr unterschiedlichen Charaktere vorangetrieben: Klaus Dinger, der Schlagzeuger und "Sänger" (vielmehr Shouter...!) war der ungestüme, aggressive Part, MICHAEL ROTHER dagegen ist eine betont introvertierte, sanfte Natur. Dementsprechend "zerrissen", überraschend und auch heute noch aufregend gerieten die Neu!-Alben....! Doch ROTHER war selbst in der "Düsseldorfer Schule" bald eine Ausnahmeerscheinung. Nicht allein, dass er sich im Gegensatz zu seinen Kollegen Dinger und Kraftwerk rein optisch nie zu stilistisch strengen Images hat hinreißen lassen und bis weit in die 70er Jahre immer noch das Bild des "alternativen Hippies" bot - ROTHER war zudem nie ein Purist, sondern verband schon immer elektronische Klänge mit konventionellem Instrumentarium, vorwiegend mit seiner Gitarre. Trotzdem ist er einem Musiker und Komponisten wie Ralf Hütter näher als der Rest, denn ebenso wie das Kraftwerk-Mastermind beherrscht ROTHER auch heute noch die Kunst, sehr einfache, repetitive wunderschöne Kindermelodien zu schreiben, die oftmals auf dem schmalen Grad zwischen Kunst und Kitsch balancieren, doch nur selten ins Banale oder Peinliche abrutschen.

Harmonia (Foto: Ann Weitz)

Seit 1977 hat MICHAEL ROTHER 9 Soloalben veröffentlicht. Im Gegensatz zu Neu! und auch Harmonia waren diese Werke - allen voran das klassische Solo-Debüt "Flammende Herzen" - geprägt von der Mixtur aus analogen, warmen Klängen und repetitiver Elektronik. In den ersten Jahren noch kongenial unterstützt von dem Can-Drummer Jaki Liebezeit war MICHAEL ROTHER bereits Anfang der 80er einer der ersten Musiker weltweit, die ihr Werk auf dem damals revolutionären Fairlight-Computer komponierten und programmierten. Sein letztes Werk "Esparanza" erschien 1996. Danach folgten bewegte Jahre, in denen ROTHER aber dennoch kein neues Album veröffentlichte: Kein Geringerer als Herbert Grönemeyer entdeckte Neu! und veröffentlichte die drei klassischen ersten drei LPs endlich auf CD. ROTHER ging auf Tournee mit seinem alten Weggefährten Möbius und arbeitete peu a peu an dem, was jetzt, nach 8 Jahren als neues Album vorliegt: "Remember (The Great Adventure)"

"Remember (The Great Adventure)" ist Fortschritt und Zäsur zugleich. Es ist das erste ROTHER-Album, an dem er mit Sängern gearbeitet hat. Neben seiner Entdeckung Sophie Williams sind auch so große Namen wie Herbert Grönemeyer zu hören...
Michael Rother: Schon Mitte der 80 Jahre habe ich angefangen, mit Samples zu experimentieren. Natürlich können Instrumentalstücke für sich stehen und überzeugen, es ist eine Welt für sich. Doch an der menschlichen Stimme als zusätzliches Instrument und Ergänzung war ich schon immer interessiert. Schon bei "Flammende Herzen" habe ich Stimmen aus dem danach gedrehten Film für die neue Version des Albums verwendet. Und diese Kombinationen fand ich schon damals sehr gelungen.
Bei "Remember (The Great Adventure)" habe ich die Stücke von vornherein so angelegt, dass eine Stimme darin Platz haben wird. Die Stimme dient hier aber auch als Instrument. Als ich 1997 begonnen habe, mit Sophie Williams die ersten Gesangsaufnahmen zu machen, habe ich ihr ca. 75 Entwürfe vorgespielt. Ich habe sie dann gebeten, eine Zahl zwischen 1 und 75 zu nennen. Diesen Entwurf habe ich dann gestartet. Sie hat dann nach kurzer Reflektion ganz kurze Beiträge gesungen, die ich dann nachträglich bearbeitet habe. Es war also nicht so, dass ein Sänger einen Song zu einem fertigen Playback abgeliefert hat. Es war eher so, dass die menschliche Stimme von mir in ein Stück kopiert wurde.

Was an dem Album am meisten überrascht, ist die Mitwirkung von Herbert Grönemeyer. Kenner wissen zwar, dass es ihm zu verdanken ist, dass er die zwei Streithähne Michael Rother und Klaus Dinger endlich zusammen brachte und somit auch die Veröffentlichung des Neu!-Repertoires auf seinem Grönland ermöglichte - doch dass Grönemeyers Gesang nun sogar auf dem neuen ROTHER-Album zu hören ist, überrascht Freund und Feind gleichermaßen...
Michael Rother: Herbert Grönemeyer und ich waren uns schon 1999 einig, dass wir zusammen Musik machen wollten. Ich habe ihn dann in mein Studio nach Forst eingeladen. Ich habe einige Sachen vorbereitet, zu denen er sehr spontan gesungen hat.

Michael Rother (Foto: Hadley Hudson)

Dennoch ist Grönemeyer - zum einen aufgrund seiner Historie, zum anderen wegen seines ansonsten sehr kantigen, gutturalen Gesangs auf seinen eigenen Aufnahmen - nicht unbedingt eine offensichtliche Wahl...
Michael Rother: Herbert hat in Interviews schon oft 'seine' Entdeckung Neu! geschildert. Das heißt, das er uns bis 1998 wirklich nicht kannte. Durch Zufall hat er bei einem Fototermin, bei der Neu!-Musik zufälliger Weise nebenbei lief, den Fotographen gefragt, was das denn für Musik sei. Herbert ist dann der Sache weiter nachgegangen und hat den Kontakt zu uns gesucht. Angesichts der Tatsache, dass Herberts Wurzel der Jazz-Rock ist, ist das auch nicht weiter verwunderlich, denn das ist eine Musik, mit der ich noch nie etwas anfangen konnte. Nichtsdestotrotz ist Herbert ein extrem musikalischer Mensch. Bei unseren Aufnahmen ging es ihm auch nicht darum, den Grönemeyer zu repräsentieren, den man kennt, sondern etwas anderes auszuprobieren, andere Facetten zu zeigen. Das Resultat ist denn auch genauso ausgefallen, wie ich es mir erhofft habe. Ich wollte nicht den 'Männer'-Grönemeyer, sondern mir war schon klar, dass ich eine andere Komponente benötige. Und das, was er gemacht hat, hat mich von Anfang an überzeugt.

Seine Stimme klingt auf Deinen Stücken ein wenig wie Peter Gabriel...
Michael Rother: Schöner und interessanter Vergleich. Den hat noch niemand gewagt...

Ich könnte mir auch vorstellen, dass Grönemeyer von dem Resultat selbst überrascht war. Zumindest dürften diese Aufnahmen für ihn ein künstlerischer Befreiungsschlag gewesen sein...
Michael Rother: Diese Frage sollte er dir lieber selbst beantworten. Ich kann zumindest sagen, dass er von dem Resultat von "Energy It Up" sehr verblüfft war. Herbert hat sehr frei und spontan improvisiert, er hat das Stück nicht sehr lange auf sich wirken lassen, nicht lange nachgedacht und frei und intuitiv improvisiert.

Seit dem 83er Album "Lust" hat ROTHER nicht mehr mit anderen Musikern zusammen gearbeitet. So gesehen ist das neue Album schon ein neuer Weg. In wieweit hatten die Mitwirkenden (neben Sophie Williams und Herbert Grönemeyer auch alte und neue Weggefährten wie Asmus Tietchens, Jake Mandell, Thomas Beckmann oder Mouse On Mars-Musiker Andi Toma) das neue Album beeinflusst?
Michael Rother: Es sind definitiv Rother-Stücke. Es ist meine Handschrift. Das ist mein oberstes Anliegen - und ich würde die Federführung nie aus der Hand geben. Doch bei so wunderbaren Beiträgen, die ich das Glück hatte, verarbeiten zu können, bleibt es nicht aus, dass man zumindest angeregt wird. Doch wie auch bei schöne Instrumentenklängen, die man beim bereits existierenden Material hinzufügt, verändert das neue Element die Ausdrucksform des Bestehenden. Nicht anders war es bei diesen Sängern.

Trotz der Mitarbeit der Vokalisten besitzt "Remember (The Great Adventure)" - im Vergleich zum Vorgänger "Esperanza" - paradoxerweise einen sehr homogenen, filmischen und instrumentalen Charakter...
Michael Rother: "Esperanza" hatte ein ganz anderes Konzept. Das waren letztendlich nur Entwürfe - du ich habe den direkten Weg vom Entwurf zum Album gewählt und gar nicht lange an den Ausgangsideen gefeilt. Darum sind dort auch mehr Brüche, Kanten und Ecken zu hören. Auf "Remember" habe ich genau gegenteilig gearbeitet. Es gab mehrere Etappen; die Arbeiten waren lang und sehr intensiv. Es war mir diesmal sehr wichtig, eine möglichst große Geschlossenheit zu erreichen...

(© Ecki Stieg)

Fotografen:
Hadley Hudson, Ann Weitz und Thomas Dinger

Net: www.michaelrother.de

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Michael Rother
"Remember (The Great Adventure)" CD
(Random Rec./GangGo Music/WEA)
2004























































































































































































































































































































































Michael Rother (Foto: Ann Weitz)