Interviews                     


Gespräche mit interessanten Musikern.

Zum Interview-Archiv

   
  Ein alter Hase  
 

JEAN-LUC DE MEYER
(FRONT 242, CYBER-TEC PROJECT, COBALT 60)

Text und Interview aus dem Jahre 1995.

Die Neunziger könnten in der Zukunft für den Neuanfang der elektronischen Musik stehen. Viele frühe Musiker besinnen sich auf die Wurzeln zurück und wagen ein Comeback (bestes Beispiel Human League). Manche wagen sogar eine neue musikalische Ausrichtung (siehe Die Krupps). Doch sicherlich am beeindruckendsten im Bereich der progressiven Electro-Musik ist die Anzahl der alten Hasen (oder Heroen?), die mit neuen Bands und Projekten zum Teil noch einmal bei quasi Null anfangen. Diese Schar von Gruppen zieht natürlich immer die Namen ihrer alten, mit Kult befleckten Bands hinter sich her.
Als da wären K-Nitrate, welches einer der Cubanate-Mitbegründer zur Zeit als sein Projekt firmieren läßt, oder Ether (bestehend aus ehemaligen Mitgliedern von La Muerte und The Weathermen).
Und eine der meist geehrfürchtesten Namen des EBM, Front 242, klebt gleich an mehreren Projekten. Zum einen an Holy Gang, ein Studioprojekt des La Muerte Sängers mit dem 242 Drummer Richard 23, und zum anderen an Cobalt 60 und Cyber-Tec, zwei Bands um Jean-Luc De Meyer, seines Zeichens Sänger der geschätzten Belgier.

Und hier das Interview mit dem sympathischen Belgier:

Hallo Jean-Luc, was bedeutet eigentlich der Bandname Cyber Tec?
"Frag nicht mich, ich habe ihn nicht ausgewählt. (lacht herzhaft). Der Name ist von Manager Paul M. Green, der die Cyber Tec ("Let You Body Die") Platte als 'Teamarbeit' all' seiner Freunde und Musiker seines Labels ins Leben gerufen hat. Er beschäftigt sich sehr intensiv mit diesem ganzen Cyber-Kram. Und außerdem ist er ein großer Fan von Techno-Musik. Da war der Name naheliegend. Sein Label heißt übrigens ebenfalls Cyber-Tec! Der wirkliche gesamte Name der Truppe, welche die "Let Your Body Die"-Scheibe gemacht hat, lautet eigentlich Cyber-Tec Project."

Sind nicht auch K-Nitrate, welche neben Musikern wie Birmingham 6 oder Cubanate zwei der insgesamt acht Remixe der Debüt-EP besteuerten, auf dem englischen Cyber-Tec Label?
"Ja, es sind hauptsächlich Leute aus dem Umfeld der beiden Musiker. Jonathan Sharpe und Ged Denton, die neben mir bei C-T mitwirken."

Ist das Cyber-Tec Ding jetzt eigentlich ein Projekt oder eine richtige Band?
"Gute Frage. Zu diesem Zeitpunkt würde ich Cyber-Tec noch nicht als 'echte' Band bezeichnen, da wir noch keine Livegigs absolvieren und erst eine Platte veröffentlicht haben. Die Arbeiten im Studio hatten für mich irgendwie etwas 'schizophrenes', da die die Beiden (Sharpe & Denton) ganz unabhängig von mir die Musik komponierten, ohne mich mit einzubeziehen, denn ich habe ihnen schon vor den Aufnahmen gesagt: "Ich schreibe nur die Texte und singe sie; bei der Musik lasse ich euch völlig freie Hand!" Und das hat auch seinen Grund, denn ich wollte nicht, das Cyber-Tec ein Jean-Luc De Meyer Nebenprojekt wird. Ich bin der Meinung, dass Texte schreiben meine Stärke ist und ich mit meinen Erfahrungen keine anderen Musiker vereinnehmen sollte und sie von dem musikalischen Weg, an den sie glauben, abbringen würde. Aber wir werden natürlich trotzdem in Zukunft wieder zusammenarbeiten. Wir tauschen noch immer ständig Tapes aus. Wahrscheinlich wird es im Laufe des nächsten Jahres schon das Album geben. Ich bin mir nicht sicher, aber wir müßten schon sieben oder acht Songs fertig haben. Wir haben sie noch nicht veröffentlicht, da wir erst die Reaktionen (auch im Sinne der Verkaufszahlen) auf die EP abwarten möchten. Die erste Reaktion, speziell aus Deutschland, ist zwar schon sehr umfassend, sagt aber noch nicht wirklich aus, wie viel Interesse uns von den Hörern entgegengebracht wird. Auch wenn wir auf kein Interesse stoßen, werden wir weiter tätig sein, uns nur zeitlich etwas einschränken."

Für wie wichtig würdest du die Inhalte der Cyber-Tec – Texte einschätzen?
"Keine Ahnung. Dies ist mal wieder so eine skurrile Situation in der ich mich befinde, weil ich eigentlich gegen meine eigene Arbeit spreche, obwohl ich auch nicht anders arbeite als die meisten anderen Textkomponisten. In meinen Augen ist dennoch die Musik das wichtigste Element. Von ihr geht alles aus. Erst schreiben die beiden Musikerköpfe die Stücke CT’s, erst dann beginne ich damit die Texte zu schreiben. Ich glaube die Texte bzw. der Gesang gibt den Liedern den gewissen 'human touch' und eine neue kompositorische Struktur. Wahrscheinlich, zumindest versuche ich es, erreichen die Songs durch die Lyrik ein höheres Level. Es ist doch aber auch so, dass es, wenn du ein paar Worte in einem Lied an die zwanzig mal wiederholst, recht schnell langweilig und blöd wird, so dass du versuchen mußt den gleichen Inhalt immer wieder in andere Worte zu fassen. Hoffentlich ist klar, was ich damit sagen wollte. Ich glaube ich habe mich nicht so verständlich ausgedrückt. Was ich eigentlich noch sagen wollte, ist, dass bei Cyber-Tec die Stimme nur präsent ist und die Texte nur grob umreißen, worum es uns in diesem Projekt geht, wobei sie dem Hörer nur eine Richtung offenbaren."

Kommen wir nun zu einem anderen Thema. Es gab Gerüchte um eine Bands namens Cobalt 60, in der du tätig sein solltst.
"Ich würde Cobalt 60 eher als meine 'wirkliche' Band bezeichnen. Wir sind nur zwei Leute, ein Franzose und ich, wobei ich auch hier den Part der Texte und des Gesanges übernommen habe. Wir haben schon an die zwanzig Songs fertig."

Cobalt 60: "Elemental" 1996

Das ist ja schon eine ganze Menge!
"Ja, ich habe in den letzten Tagen und Monaten sehr viel gearbeitet. Das Problem ist, dass wir sehr bedacht mit Cobalt 60 umgehen wollen. Ich suche eine Record-Company, welche versteht, worum es sich bei Cobalt 60 handelt, weil es sich grundlegend von all' dem, was ich bisher gemacht habe, grundlegend unterscheidet. Ich bin auch sehr eigen, da ich diese Band als mein 'Baby' ansehe und dies in keinster Weise aus der Hand geben möchte. Aber mit diesen Voraussetzungen ist es sehr schwer ein Label zu finden, da mein Partner und ich alleine bestimmen wollen, wie sich Cobalt 60 in der Öffentlichkeit darstellt, welches Image und welche Art von Promotion uns am besten entspricht. Es gibt so Labels, da werken 500 Leute an der Promotion einer Band herum, und ich glaube nicht, dass diese Leute verstehen, was wir bewirken und darstellen wollen."

Welchem Musikstil kann man Cobalt 60 zurechnen?
"Es ist eine Mixtur aus Technorhythmen und Gitarren, im Stile wie sie die Ramones oder The Cramps spielten. Unsere bisherigen zwanzig Lieder sind 'echte Songs' mit Intro, erstem Vers, Akkorden, Pausen etc. Bei Cobalt 60 ist es die klassische Art einen Song zu komponieren, ein langwieriger Entstehungsprozeß, welcher wesentlich schwieriger ist als alles andere was ich bis dato getan habe. Es ist aber auch nicht einfach mit den Connections, die ich im Laufe der Jahre bekommen habe, ein neues und nicht vorbelastetes Label anzupeilen."

Schöner Übergang zu Front 242. Was empfindest du denn eigentlich jetzt, mit etwas Abstand, für die beiden letzten Longplayer "06:21:03:11Up Evil" und "05:22:09:12 Off"?
"Ich muß ganz ehrlich sagen, dass ich sie nicht leiden kann und sie mir nie angehört habe. Wir, Front 242, haben sehr lange darüber diskutiert, bevor wir diese Alben einspielten. Es war abgrundtief schrecklich, etwas neues anzufangen. Das Problem, der wunde Punkt, bei dem wir uns nie richtig einig wurden, war, dass die neugewählte Richtung, die wir einschlugen, nicht in meinem Sinne war, da ich sie persönlich nicht für die Richtige hielt. Ich glaube ein wichtiger Aspekt unserer Kariere war, den Gedanken 242's trotz starker Fehler im Management auszuleben. Für eine sehr lange Zeit hat die Energie und Kraft der Musik und der Liveshows dies schlichten können. Bei der letzten Kampagne war dies nicht mehr der Fall."

Wird es eine Zukunft für Front 242 geben?

"Weiß ich noch nicht. Es herrschte eine sehr belastende Situation, da wir alle im gegenseitigen Hass auseinander gingen, nachdem wir die Tour durch die Vereinigten Staaten absolviert hatten. Wir haben dann lange nicht miteinander gesprochen, und das fast ein Jahr lang. Heute rede ich manchmal mit Richard und ab und zu mit Patrick. Daniel treffe ich hingegen eher selten... Wir alle haben inzwischen unsere eigenen Projekte und arbeiten mit anderen Leuten zusammen, und sind sehr zufrieden mit diesem Zustand. Jetzt können wir auch wieder miteinander reden, ohne dass in uns Gefühle des Hasses emporsteigen, so wie früher. Wir haben aber auch nicht mehr über 242 gesprochen, da wir uns dafür entschieden hatten uns erst Ende des Jahres zusammenzusetzen und dann weiter zu sehen. Ich bin mir nicht sicher ob das noch sinnvoll ist, da wir alle mit unseren Projekten belastet und vor allem glücklich sind. Aber, das muß ich eingestehen, es gibt da so einen inneren Motor, weil es auch eine reizvolle Aufgabe darstellt, es jetzt, nach einer Zeit in der wir alle unsere eigenen musikalischen Erfahrungen gesammelt haben, noch einmal neu anzugehen. Wobei wir uns alle von der Musik Front 242's weg entwickeln."

Cyber-Tec: "Let Your Body Die" 1995

Es hieß ja schon vor Veröffentlichung der "Let Your Body Die" EP in der Presse, dass Cyber-Tec sich wie die neunziger Version der 242's anhört.
"Vielleicht... Wie bereits erwähnt, ich bin für den Sound nicht verantwortlich. Aber ich mag ihn sehr gerne. Selbst bei den Remixen waren meine Finger nicht im Spiel. Ich habe keinen der Remixe ausgewählt. Ich war nicht einmal anwesend, als sie gemacht wurden. Im Endeffekt habe ich nur zusammen mit Paul Green, Ged Denton und Jonathan Sharpe die Versionen ausgewählt, die auf der Platte erschienen, denn es gab ein paar Remixe mehr, als auf der EP nun sind."

Die abschließende Frage möchte ich noch einmal Cobalt 60 widmen. Ist der Sound dieser Band eventuell vergleichbar mit dem Projekt deines 242 Kollegen Richard 23 aka Holy Gang?
"Nein. Holy Gang ist Heavy Metal mit Hardcore-Rap oder ähnlichem. Wüßte nicht, wie ich es anders definieren sollte. Cobalt 60 ist wesentlich schneller aber auch leichter. Es ist auch ein sehr agressiver Sound, hat aber sonst nicht viel mit Holy Gang gemein."

(bz/sz)

Top

 

 

Cyber Tec: De Meyer, Denton und Sharpe (v.o.n.u.)