Rezensionen  


Interessante Musikveröffentlichungen einmal genauer unter
die Lupe genommen.

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  Neuaufguß 2003    
 

Anne Clark
"Sleeper In Metropolis 3000"
MCD (Gang Go/WEA)



Bereits im Jahre 1997 wurden auf der LP "Wordprocessing" die großen Hits von diversen Techno-DJs- und Produzenten bearbeitet. Vor ein paar Monaten konnte die Kinderkirmes-Technobude Blank & Jones Anne Clark für ihren Song "The Hardest Heart" engagieren. Hätte man mir das vor fünf Jahren erzählt, ich hätte es nie geglaubt. Leider sind in den letzten Jahren viele merkwürde Dinge passiert. Diverse Dark Wave und Electro-Pop Musiker kooperieren mit EuroDancefloor- und Trance-Projekten. Ab und zu sieht man das ganze dann in der schlechtesten Musiksendung unseres Planeten: Club Rotation. Leider geht in Sachen elektronischer Innovation in der Gothic und Electro-Industrial-Szene einiges schief. Man mag sich jetzt fragen, woran das liegt. Ich suche noch immer nach einer passenden Antwort. Zurück zu Anne Clark. Der vermeintliche Neuaufguß klingt tatsächlich noch annehmbar und transportiert den Klassiker in die moderne Techno-Gegenwart, ohne dabei ins trashig-billige Trancegefilde zu geraten (wie z. B. Talla 2XLC mit "Can You Feel The Silence"). Mit Marco Remus hat man einen sehr guten Remixer an die Regler gelassen. Seine Version gefällt mir auf dieser Maxi am besten. (bz)

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  Kuschelrock mit Poster    
 

Die Ärzte
"Unrockbar"
MCD/7" Vinyl
(Hot Action Records)




Die neue MCD der Ärzte beinhaltet viele schöne Ideen. Allerdings betreffen diese mehr die äußere Gestaltung als die Songs. Die erste Singleauskopplung aus dem Doppelalbum "Geräusch" beginnt textlich und musikalisch fast lieblich und typisch ärzte-like. Schnell steigert sich der Song aber in seiner Bissigkeit und verbindet musikalisch gekonnt verschiedene Elemente des Rock. Und dieser, so die Ärzte, regiert die Welt. Die weiteren Tracks "Kontovollmacht" und "Aus dem Tagebuch eines Amokläufers" bringen demgegenüber musikalisch und inhaltlich nicht viel Neues, sondern greifen Themen auf, die wir so oder ähnlich von den Ärzten bereits kennen. Allerdings klingen Kritik und sarkastische Vorführung von Geltungssucht und Oberflächlichkeit der Gesellschaft resignierter als früher, wenn auch nicht weniger aggressiv. Remember, die Welt verändert sich eben nur, wenn wir uns selbst verändern. Am Schluss gibt es noch eine Aufnahme von der fantastischen "Nackt unter Kannibalen"-Geheimtour, auf der die Ärzte Anfang des Jahres ihre Fans mit "Dolannes Melodie" von George Zamphir quälten. Wenigstens haben wir dies auf der MCD jetzt auch in digitaler Qualität. Die CD selbst sieht aus wie eine klassische schwarze Vinyl-Single und hat wie diese auch keinen Kopierschutz. Beigelegt ist ein beidseitig bedrucktes Poster von 'Belafarinrod' (Ärzte-Fachterminologie für Bela B., Farin Urlaub und Rod) zum Aufbügeln und Aufhängen. Alle Fans, die sich nicht für eine der beiden Posterseiten entscheiden können, werden zweifelsohne zwei Exemplare der CD erwerben und die Ärzte werden dadurch mehr CDs verkaufen. Schlau, schlau, eben die cleverste Band der Welt. Meine beiden Cover stehen aneinander gekuschelt im CD-Regal. (sf)

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  Understatement    
 

Die Ärzte
"Geräusch"
CD (Hot Action Records)



Das "Geräusch" an sich kann einen aufhorchen lassen. Im Falle der "Die Ärzte" ist der Titel aber auch ein humoristisches Understatement, ob der hier dargebotenen Doppel-Album-Wundertüte. Auch nach 20 Jahren Bandgeschichte bleiben "die Halbgötter in Weiß" mit dem Schalk im Nacken relevant. Kein Meisterwerk, aber ein sehr gutes Album, dass den Spagat zwischen schmunzelerregenden Albernheiten und ernsthafter Gesellschaftskritik schafft. Bela, Farin und Rod bleiben hier musikalisch (Rock, Pop, Ska, Samba usw.) fast durchgehend auf hohem, eingängigem Niveau, mit toller Atmosphäre und schönen Gesangslinien, auch wenn ihnen ab und an textliche Lauheiten, wie z.B. "T-Error" oder "Die klügsten Männer der Welt" unterkommen. Was aber nicht weiter auffällt, angesichts der Überzahl der besonders starken Tracks: "Als ich den Punk erfand" und "Schneller leben" lassen jedes Zwerchfell erzittern. "Geisterhaus" und "NichtWissen" müssen sich für jeden BILD-Leser wie eine schallende Ohrfeige anfühlen. Um dem Ganzen zum Schluss noch die Krone aufzusetzen, treiben Rod und Farin noch einmal die fetteste Rock-Sau, in Form von "Anti-/Pro-Zombie", durchs Fun-Punk-Dorf. "Geräusch" ist sympathisch, macht ordentlich Laune, tröstet und versteht. (hm)

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  anspruchsvoller Trash    
 

Alien Sex Fiend
"Information Overload"
CD (Luce/Alive)



Nach langer Funkstille melden sich Alien Sex Fiend mit einem neuen Album zurück. Dank dem Label Luce erscheint das Album nun endlich auch in Deutschland. Während ihr letztes reguläres Studioalbum "Nocturnal Emissions" (1997) verstärkt auf technoiden Ambient setzte, kehren die neuen Songs wieder mehr zu den alten Werten von Alien Sex Fiend zurück. Eine musikalischer Hybride aus Gothic-Post-Punk und treibenden Electro-Rhythmen. Besonderes Merkmal von "Information Overload" sind mal wieder die chaotisch aneinandergereihten Sound- und Sprachsamples. Über diesem musikalischen Intermezzo schwebt die charismatische Stimme von Nik Fiend. Vom kürzesten Stück "Drug Of Choice" (4 Sekunden) bis zum extrem langen Song "Kiss Arse" (11.21 Minuten) reichen die neun neuen Tracks. Besonders beindruckend sind "Motherfucker Burn", "Gotta Have It" sowie das ruhige Stück "Voices In My Head". Das Booklet-Artwork wurde mal wieder von Mr. und Mrs. Fiend kreiert. Soll heißen: das Fiend-Pärchen beackert auf "Information Overload" wieder das gesamte künstlerische Spektrum von Alien Sex Fiend. Waren im letzen Jahr The Cramps auf dem Thron des anspruchsvollen Trash, gehört das Jahr 2004 voll und ganz Alien Sex Fiend!.. vielleicht jetzt schon das Comeback des Jahres.... (bz)

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  Archiv: A  
   



  Der Doc spricht:  
 

Autechre
"Draft 7.30"
CD (Warp/Zomba)



EBM mit Techno zu verwechseln, ist ein verzeihlicher Faux Pas. Intelligent Techno für 'so eine Art' Techno zu halten, ist ein Sakrileg. Autechre machen Intelligent Techno. Da es sehr schwer ist, Neulingen diese Musikrichtung zu erklären, lasse ich es lieber gleich bleiben. Nur soviel: Viele beschreiben Intelligent Techno als "mittels mathematischer Formeln programmiert", als "wie vom Computer erdacht" - oder einfach nur als nervig. Der Welt Geöffnete sollten ruhig ein Ohr oder doch besser gleich beide Ohren riskieren, sind doch schließlich genug Stereoeffekte enthalten. Ein neues gutes Album von Autechre, wenn auch die beiden Soundfetischisten und Synthesizerumbauer aus Manchester nicht ganz an die Genialität der unerreichten LP5 oder hohe (audio-visuelle) Vernetzung der Gantz Graf CD/DVD anschließen können. Und auch auf Draft 7.30 haben sie manchmal das Problem mit einer gewissen Höhenlastigkeit. Highligts: Das wegen der langgezogenen Klänge an Ligeti erinnernde "SURRIPERE", das homogene "VL AL" und "RENIFORM PULS". Gut: "P.:NTIL" und "V-PROC". Auf jeden Fall eine Chance geben und in Ruhe und laut in Stereo anhören. (jz)

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  zu viel Harmonizer    
 

And One
"Agressor"
CD (Virgin)



Die Herren um Steve Naghavi leben wieder in Berlin und haben nach drei Jahren ein neues Album eingespielt. And One setzten sich im Jahre 2003 aus den Herren Chris Ruiz (wieder dabei!!), Gio Van Oli und eben Mastermind Steve Naghavi zusammen. "Agressor" soll genau da anfangen, wo einst das "I.S.T." Album aufgehört hat. Ganze zwölf Stücke bietet das neue And One Werk. Während der Produktion hat sich Steve entschlossen, das Album komplett in deutscher Sprache zu singen. Ulknummern wie "Pillermann" sucht man vergebens - trotzdem sind einige ironische Seitenhiebe in einigen Songs nicht zu verkennen. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands aus dem Electro-Pop und EBM-Umfeld verknüpfen And One keine nervtötende Euro-Trance-Elemente zu einem Future-Pop Cocktail. Harmonische Synthie-Pop Nummern a la "Fehlschlag" oder "Schwarz" wechseln sich mit schnellen, agressiven Electro-Tracks wie "Strafbomber", der durch seine oldschool Acid-Fragmente überzeugen kann, oder den genial plakativ naiven Song "Fernsehapparat" ab. Rundum gelungenes Comeback der Electropop-Lieblinge der Neunziger. (bz)

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  Das ist Spitze!    
 

Die Ärzte
"Dinge von denen"
MCD (Hot Action Records)



Seit Tagen mit keinem Wort auf der offiziellen Homepage erwähnt und sogar als Comicfigur auf der Ärzte-Bootleg-Seite "Kill-them-all" verschwunden. Und dann noch nicht mal im neuen Video "Dinge von denen" zu sehen. Wo ist Bela? Seit Montag taucht er zumindest wieder im Fernsehen auf, aber auch hier geht keiner der Ärzte darauf ein, was das ganze sollte und wo Bela in den letzten Tagen war. Der aufmerksame Fan widmet sich daher erst mal der neuen Ärzte-CD "Dinge von denen" und baut sie wie immer zunächst komplett auseinander, könnte ja ein Bild versteckt sein wie in der "Wie es geht"-Maxi-CD. Zudem sucht er sie systematisch nach Hidden Tracks ab, um diese wie auf "13" oder "Geräusch" zu finden. Obligatorisch werden auch die beiden Videoclips zu "Unrockbar" und "Dinge von denen" von Anfang bis Ende angeschaut und siehe da - des Rätsels Lösung offenbart sich. Und Farins komisches Getue im Clip wird klarer. Denn das Video auf der CD kann in einigen Details von dem auf der Homepage dargestellten Beispielvideo und von dem auf bekannten Musiksendern gezeigten abweichen. Ist jemandem aufgefallen, das die dargestellte Sendung im Dritten Deutschen Fernsehen läuft? Des weiteren finden sich auf der neuen MCD die Songs "Powerlove" und "Worum es geht", aber wen interessiert das: Bela ist wieder da! (sf)

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  Zwischen den Stilen    
 

Air Liquide
"Let Your Ears Be The Receiver"
CD (Multicolor/Intergroove)



Das bereits zwölfte (!) Album dieses deutschen elektronischen Urgesteins! Das Duo versteht es seit jeher, zwischen den Stilen zu wechseln, ohne jemals zu verflachen. So verzaubern Air Liquide diesmal mit einem weitern Schritt Richtung Funk und Soul, hochkarätigen Gastsängern, eingängigen Melodien und einer Leichtigkeit, die Lust auf Open Air und Sommer macht. Mit der 'Campfire Version' von "Fuckdup" ist ein, wenn auch nicht ganz ernst gemeinter, Hit vertreten, den man nach dem ersten Hören so schnell nicht wieder vergisst. Songwriting, Pop und Elektronik im Schulterschluss, wir warten auf die Revolution im Radio! (ap)

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