Rezensionen  


Interessante Musikveröffentlichungen einmal genauer unter
die Lupe genommen.

Archiv:  0 - 9   A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z


Zur Übersicht der Rezensionen

   
  Alles macht weiter    
 

Blumfeld
"Jenseits von Jedem"
CD (Zick Zack/WEA)



Nach dem Ablegen aller Ängste geht die Reise weiter: Blumfeld veröffentlichen mit "Jenseits von Jedem" ihr nunmehr fünftes Album und bleiben glücklicherweise nicht auf der Stelle stehen. Den Herren Distelmeyer, Rattay und Mühlhaus gelingt ein nachdenkliches, kritisches und lebensbejahendes Werk, dessen Tiefe leicht übersehen wird. Dies mag vor allen Dingen daran liegen, dass die Texte des immer besser singenden Jochen Distelmeyer weitaus einfacher und umgangssprachlicher sind, als jemals zuvor, dabei allerdings nie ins Banale abdriften. Und gerade die Musik, dieses Akkustik-Gitarren-dominierte, zuweilen mit Bläsern versetzte attraktive Gebilde, das einen mal wiegt und dann wieder mitreißt, wird manchen wegen seiner offensiven Fröhlichkeit sauer aufstoßen. Doch der Band ist das egal. Sie stapft weiter voran. Im Rucksack den Gestus, alles tun und lassen zu können. Charmant-nonchalant. "Testament der Angst", der Vorgänger, war in sich geschlossen. Und auch dieses Album scheint einer konkreten Linie zu folgen: eingerahmt von dem bes(ch)wingten Opener "Sonntag" und dem schwebenden Abschluss-Stück "Die Welt ist schön", gelingt es der Band, sich überzeugend zwischen Gesellschaftskritik ("Armer Irrer" und das Highlight der Platte: "Alles macht weiter") und dem Nachdenken über die eigene Befindlichkeit ("Krankheit als Weg" und das optimistische "Neuer Morgen"), die uns alle mitbetrifft, als Einheit zu bewegen. Das Naturalistische, das Blühende, Lebende, Pulsierende ist dabei ständig präsent. Dass BF auch immer noch ironisch ("Jugend von heute") oder sogar zynisch (die Single "Wir sind frei") werden können, macht sie umso sympathischer und bewahrt vor der Oberlehrerhaftigkeit. Am Ende der Platte ist alles klar: Distelmeyer ist angekommen. Mit der Welt und sich im Reinen schwebt er gelassen auf einer Wolke, beobachtet "das bunte Treiben" und bejaht das Leben "trotz aller Plagen". Nicht resignierend, sondern altersweise ist er zu einer Erkenntnis gelangt, die ihn entspannter macht. "Ich dachte mir/ Vielleicht sind wir/ Nicht da, um zu verstehen" Wer dieses intelligente Werk in seiner Vielschichtigkeit durchdringt, wird hoffentlich nicht nur glücklicher, sondern bleibt auch weiterhin kritisch im Umgang mit seiner Umwelt - so wie Blumfeld, die armen Irren, die alten Narren, die gottseidank immer wiederkommen... (hm)

Top

 



  Dosenbier wollen wir!    
 

Das Bierbeben
"No Future No Past"
CD/2LP (Shitkatapult/Kompakt)



Pünktlich zur Biergartensaison erscheint mit "No Future No Past" der erste Longplayer von Das Bierbeben, einem Projekt, das 2002 mit der Single "Wir Sind" auf Marco Haas' Label Shitkatapult zum ersten Mal im Rampenlicht stand. Hinter so lustigen Synonymen wie Alfred Bierlek, Wolf Dosenbiermann, Brian Vino, der Westen oder der Osten verbirgt sich, neben Jan Müller (Tocotronic, Punkarsch) oder Rasmus Engler (Gary, Adamskostüm), auch Tausendsassa Thies Mynther, der unter anderem von Stella, Superpunk oder Phantom/Ghost her ein Begriff ist. Dass die Mitglieder der Elektro-Combo sowohl aus Berlin, als auch aus Hamburg kommen, überrascht beim Hören nicht sonderlich, da das minimalistische und relativ technoide Soundgerüst von einem kecken Punk-Flair überspannt wird und so dem akustischen Geschehen einen Schuss Ungezogenheit und Anarchie verleiht. Assoziationen mit den Geschwistern Humpe kommen unweigerlich auf, was aber primär an den, mal mädchenhaften, mal mahnenden, deutschen Gesang und den deutschen Texten liegt, die vor politischen Aussagen keinen Halt machen. Da wird gehofft, dass man dabei ist, wenn Deutschlands Mauern fallen und Chaos die Welt reagiert oder gefordert, seinen Fernseher kaputt zu machen. Aber neben all der Gesellschafts- und Systemkritik wird einem spätestens bei der Zeile "Wenn alle Schizophrenen zusammenstehen, haben die Ingenieure keine Macht mehr über uns" klar, dass die Akteure auch nicht zu knapp mit Humor ag(it)ieren. Durchweg tanzbar ist das feucht-fröhliche Spektakel gestaltet und die knackigen Grooves und mal kantigen, oft straighten Basslines zeigen, wie dissidieren noch mehr Spaß machen kann. Rockversiver Alkipop, jenseits der Achtziger, zwischen dem Jetzt und dem Nirgendwo. Wohl bekomm's! (mk)

Top

 
  Archiv: B  
   



  Rettung in Not    
 

Black Rebel Motorcycle Club
"Take Them On, On Your Own"
CD (Virgin)



Laut Noel Gallagher sind die B.R.M.C. die Retter des Rock'n'Roll. Recht hat er. Die aus San Francisco stammende Band entzücken mit ihrem zweiten Album ein weiters mal mit schönen psychedelischen Rocknummern wie "Stop" oder "Generation". Die neue Langrille beackert wieder ein weites Spektrum. Space-Rock, 60ies Wah-Wah, Psychedelic-Rock und eine Prise The Jesus And Mary Chain. Und erzählt mir bloß nichts von Garagenrock! Im Vergleich zu den Kollegen The Raveonettes 'rauscht' es hier nicht ganz so stark. Schörkelose Indie-Rocksongs mit gewaltigem Hitpotential. Mal ruhig, wie in "And I'm Aching" und dann fast punkig wie in "Six Barrel Shotgun". Holt die Lederjacken und Sonnenbrillen raus und feiert die Rückkehr des coolen Rock'n'Roll. Mit "Take Them On, On Your Own" wird die Band ein zweites mal ganz kräftig abräumen - und das zurecht. (bz)

Top

 



  Hand anlegen    
 

Blumfeld
"Neuer Morgen"
MCD (Zick Zack/WEA)



Die zweite Single-Auskopplung aus "Jenseits von Jedem" ist ganz sicher nicht nur für Fans dieser Band interessant. Neben der normalen "Album-Version" des entspannten Trostspende-Songs gibt es noch diverse weitere Remixe. Das neue (Live-)Bandmitglied Vredeber Albrecht zerschnippelt "Neuer Morgen" nach interessantem Beginn leider zu einer mittelmäßigen Techno-Version und sorgt damit neben Langeweile, für den einzigen Ausfall auf dieser Single. So richtig spannend wird es aber erst, wenn 'Fettes Brot' an "Wir sind frei", der letzten BF-Single, Hand anlegen. Ein echtes Highlight - definitv. Unterlegt mit coolen, unaufdringlichen Beats nehmen sie der Gitarren-Hymne ihren eigentlich fröhlichen Charakter und kehren ihn um, in eine nachdenklichere, aber dennoch äußerst mitreißende Version. Ein eigenständiger Charakter also - Auftrag mehr als erfüllt! Justus Köhnckes "Discoversion" vom eben genannten Song ist zwar nicht ganz so gut, aber weiß dennoch mit seiner Lässigkeit zu gefallen. Tanzen kann man dazu natürlich auch, klar. Für eine weitere Überraschung sorgt allerdings der tragik-komische Hamburger Humorist Heinz Strunk mit "Befreien - Unsere Mission". Dort erzählt er von alten Leuten, die er (wie Tiere) aus den unmenschlichen Pflegeheimen befreit. Man weiß nicht, ob die Tränen, die fließen, vor lauter Lachen oder doch eher aus Bedrückung kommen. Ganz tolles Stück, auch gerade deshalb, weil sich jemand traut, solche gesellschaftlichen Problematiken auszusprechen bzw. sie überhaupt einmal erwähnt. Als Beigabe lässt sich auf dem PC ein Video der neuen Single abspielen. Und origineller, als mit einem traurigen, durch die Lande streunenden Hund, hätte das melancholische Stück sicher nicht dargestellt werden können. (hm)

Top