Rezensionen  


Interessante Musikveröffentlichungen einmal genauer unter
die Lupe genommen.

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  2 zurück = 10 voraus  
 

Decoded Feedback
"Shockwave"
CD (Out Of Line/SPV)



Auf dem neuen Longplayer zelebrieren die zwei Kanadier
elektronische Body-Music, wie sie anfang der neunziger Jahre ihren qualitativen Höhepunkt erreichte. Zum Glück wurde auf den Einsatz von 08/15 EuroDancefloor-Sounds und kitschigen Tranceflächen, wie er vor allem im Future-Pop Bereich vermehrt als Stilmittel genutzt wird, weitgehend verzichtet. Neben treibenden Rhythmen wurde diesmal besonders viel Wert auf düstere Soundscapes gelegt. Manchmal gelingt es ihnen sogar die athmosphärische Qualität von Mentallo & The Fixer einzufangen. Im Gegensatz zum Vorgänger wurde der verzerrte Gesang ein wenig runter geschraubt und hin und wieder wurden einige gesampelte Gitarrenriffs in die Musik eingeflochten. Es mag vielleicht ein wenig verrückt klingen, aber es scheint so, als würden Decoded Feedback zwei Schritte zurück gehen aber dadurch vielen Electrobands zehn Schritte voraus sein. Eine nette Dreingabe ist der Videoclip zu "Phoenix", welchen man via PC bestaunen kann. Alles in allem ein gut durchprodziertes Album, welches den ein oder anderen zukünftigen Club-Hit beinhaltet. (bz)

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  Psychogen?    
 

Dossche
"Existenz"
CD (Zeitbombe/Indigo)



"Du bist da" sind die ersten Worte und der erste Track auf dem neuen Album von Guido Dossche. Eine nette Melange aus Gitarre und Synthie, gleichzeitig homogen und heterogen. Wie das geht? Ganz einfach. Man benötigt eine Weile, um die einzelnen Elemente auseinanderzuhalten, also sind sie homogen, aber weiß die ganze Zeit schon, dass es deutlich verschiedene sein müssen, also sind sie gleichzeitig heterogen.
Guido Dossche, im "wirklichen" Leben praktizierender Psychologe (O-Ton Platteninfo) hat sein zweites Werk der Öffentlichkeit vorgelegt. Zehn Reflektionen über emotionale Spannungsfelder, zwei Remixe, eine Coverversion. Die Musik ist wahrscheinlich den meisten Grufties zu ungewohnt, und überhaupt, zuwenig Pathos in Text und Präsentation desselben. Querdenkern wird der geflochtene Spannungsboden der Songs zu wenig Ecken haben. Aber zumindest mir gefällt das Album. Alle anderen müssen eben zweimal hineinhören. Sehr zu empfehlen sind die Tracks "Schwarz ist der Tag" und "Tanz mit mir". Gut gefällt mir noch "Ich bin Gott". Leider etwas zu halbherzig variiert, die Coverversion des Klassikers "Dreiklangsdimensionen" von Rheingold. Daraus hätte man doch noch mehr machen können. (jz)

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  Album of the month   
 
November 2003
 
 

Dave Clarke
"Devil's Advocate"
CD (Skint/Sony Music)



Wer zelebriert zum einen harte Techno-Sets und auf der anderen Seite Electro-Sets? Die Antwort lautet natürlich Dave Clarke. Der Brite verblüfft immer wieder durch seine genialen DJ-Sets. Egal ob Techno, Elektro, New Wave, Breakbeat: In Daves DJ-Case befindet sich immer qualitativ hochwertiges Vinyl. Wer seine DJ-Fähigkeiten noch nicht kennt, sollte die Mix-Alben "Electric Boogie Vol. 2" und "World Service" antesten. In den letzten Jahren fiel Dave Clarke immer wieder durch seine hervorragenden Remix-Arbeiten (Depeche Mode, Fischerspooner, Green Velvet etc.) auf. Auf seinem neuen Album verbindet Mr. Clarke gekonnt seine musikalischen Vorlieben. In Zusammenarbeit mit den Chicks On Speed entstand die Bauhaus Coverversion von "She's In Parties". Electro mit leichten New Wave Anleihen wie "Deo Gratias" oder "Stay Out Of The Light" finden auf 'Devil's Advocate" genauso ihren Platz wie straighte Techno-Tracks. "Just Ride" wird bestimmt zum Standardtool in der Wintersaison 2003. Neben den bekannten Singles "The Wolf" oder "Way Of Life" (mit DJ Rush) findet man mit "Blue On Blue" einen groovenden Hip Hop Track! Ein weiterer Beweis, dass Dave Clarke immer bemüht ist, nicht im eigenen 'Tempel' zu verkümmern, sondern den Schritt wagt, über den Tellerrand zu schauen, um neue Inspirationen und Ideen in seine Arbeit zu integrieren. (bz)

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  klare Strukturen    
 

Decence
"The First Step"
CD
(Excentric Rec./Neo Distribution/
Sony Music Import Service)




Wenn die DAC-Tipper jemanden auf den Thron heben, dann ist die Musik desjenigen entweder sehr gut oder sehr poppig. Dass sich beides nicht ausschließen muß, wird einem sofort klar, wenn man dem Erstling von Decence alias Oliver Mietzner lauscht. Klare Strukturen, kein Wunder, hat der Mann ja auch eine klassische Klavierausbildung. Eine Vorliebe für Spielereien hat er anscheinend auch, denn immer wieder gerate ich beim Hören in kleine, reizvolle "Neben"Klanglandschaften. Dabei sind die Basisstrukturen der Songs eben auch nicht zu verachten. Solches gilt auch für die Vocals und die Lyrics. Meine Highlights: "Genesis", "Our Tragedy", "Painfull Illusions" und "Time". Meine Empfehlung: Kaufen. (jz)

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  Poison Girl    
 

Dawn Desireé
"Dancing, Dreaming, Longing"
CD (Fossil Dungeon/Dark Vinyl)



Verlorener Blick, blasse Haut, rotes Haar: Dawn Desireé verkörpert im Booklet ihrer zweiten Soloveröffentlichung den Traum schlafloser Gruftienächte. Oder zumindest die landläufige Meinung, wie jener gefälligst auszusehen hat. Doch dann fällt der Blick auf die Texte: "The stars shine brighter in the night/without the living's light/the moon glows brighter in the sky/here in the afterlife" - ist da vielleicht jemand bei Ville Vallo in die Lehre gegangen? "When you want intelligent words, I'll offer them for free" heißt es in einem anderen Song - etwas billig, oder? Was den musikalischen Einfallsreichtum angeht, schneidet Dawn Desireé dann glücklicherweise besser ab als unser finnischer H.I.M.-Bär. Sie mimt auf "Dancing, Dreaming, Longing" mal die romantische Sopran-Sirene, die mit ihrem Stimmvolumen Gläser zerspringen lässt ("Dance In Time"), mal die zornige Verlassene, die mit posthumen Rachefeldzügen droht ("Revenge"). Die rhythmischen Wechsel innerhalb der Songs wirken streckenweise - vor allem im zuletzt erwähnten, fast siebenminütigen Techno-Klopfer - etwas willkürlich, sorgen aber stets für erfrischende Wendungen. Konzentration erfordert auch Dawn Desireés oftmals asyllabischer Gesang, der leider hin und wieder in unausgewogenem Soundbrei unterzugehen droht: Nicht jeder der acht verträumten Klavierkompositionen steht das elektrische Gewand, das Mark und Michael Riddick ihnen angelegt haben. Vielleicht hätten sich die Brüder stärker am akustischen Charakter ihrer letzten The Soil Bleeds Black-CD orientieren sollen, wodurch Dawn Desireés schöne Stimme optimal in Szene gesetzt worden wäre - bei den tieferen Tönen im langsamen "What Is Real" gelingt dies am besten. Teilweise klingen die Songs aber auch so, als würden Peter Spilles und Jürgen Jansen von Project Pitchfork ein zu düster geratenes Enigma-Album remixen. In anderen Momenten fühlt man sich an die Harmonien von X-Perience erinnert, die Mitte der Neunziger mit Titeln wie "A Neverending Dream" die Charts aufmischten. Ob man damit letztlich etwas anfangen kann, ist natürlich Geschmackssache: Eine Chance hat dieses Album aber in jedem Fall verdient. Schublade gefällig? Wie wäre es mit "Ethno-Goth-Pop"? (af)

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  Archiv: D  
   



  Retro: alt und verstaubt!  
 

Deutsch Amerikanische Freundschaft
"Fünfzehn neue DAF Lieder"
CD (Superstar Recordings/Universal)



Kaum zu glauben, eine der einflußreichsten Bands aus Deutschland ist zurück. Gabi Delgado-Lopez und Robert Görl überspringen quasi ihre letzte Veröffentlichung "First Step To Heaven" (1986) und knüpfen nahtlos an ihr "Für Immer" Album an. Robert Görl, der in den letzten Jahren einige sehr gute Techno-Tonträger auf Disko B produzierte, modifizierte den typischen DAF-Sound leider nur leicht und wirkt dadurch teilweise recht alt und verstaubt. Textlich hätten Songs wie "Rock Hoch" oder "Satellit" auch von Gabis letztem Projekt DAF/DOS entsprungen sein können. Mit "Komm In Meine Welt", "Algorithmus" oder "Ich Bin Tot" präsentieren die Zwei aber auch Tracks, die in bester DAF-Tradition daher kommen. Neben provozierenden Songs wie "Der Sheriff", welcher gegen die Kriegs-Politik der amerikanischen Regierung geht, findet man auf dem Album auch einen spanischen Song wieder. "Mira Como Se Menea" erinnert mich positiv an das geniale Duo Gabi Delgado und Saba Komosa alias Delkom. Fazit: Fünfzehn neue DAF Lieder für Leute mit Hang zur Nostalgie des achtziger Retro-Sounds. (bz)

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  der Herbst kommt ...  
 

Dakota Suite
"This River Only Brings Poison"
CD (Glitterhouse/Indigo)



Der Herbst bringt nicht nur Trennungen, Schmerz, bunte Blätter und Regenschauer, er kommt dieses Mal auch mit der passenden Begleitmusik. Dakota Suite aus Leeds bringen uns mit dem Player "This River Only Brings Poison" das passende Geschenk für den traurig melancholisch gedankenverlorenen leisen Herbstabend, auch wenn wir ihn alleine verbringen (müssen). Aus Leeds kann ja eigentlich nur Gitarrenmusik kommen, hier im Wechsel mit Klavier, Bläsern, leicht jazzig, eine Prise Blues. Soo minimalistisch und spröde in Szene gesetzt, daß man leicht die Perlen in den Tracks überhören kann. Macht auch nix. Dann hört man die CD eben mehrfach. Allerdings wird diese Bands mal wieder die Hörergemeinde in zwei Lager spalten, eben in die Fans und die an den Rande des Nervenzusammenbruches gebrachte. Die wiederum hoffentlich nicht mit Fans zusammenleben, sonst könnte sich da bald etwas radikal ändern. Nunja. (jz)

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  Ritalin Ritual    
 

Dvar
"Rakhilim"
CD (Monopoly Records)

Distributor Deutschland:
Stateart




Russisches Label, die erste. Die erste Veröffentlichung des neuen Labels Monopoly Records ist bester Ritual der Band Dvar. Wie der Bandname bereits verrät, geht es hier um jüdische Mythologie, allerdings ist mir noch nicht ganz klar, ob es sich um die Kabbalah handelt. Die CD ist sehr poppig verglichen mit dem Vorgängeralbum "Taai Liira", welches als CD-R 2000 erschien. Die Elemente sind aber die gleichen geblieben, eine elektronische, zeitweise leicht mittelalterlich anmutende Untermalung, perkussiv verfeinert, dazu leicht hohe krächzende Vocals. Es könnte der Soundtrack zu einem im Mittelalter angesiedelten Computerspiel sein, aber wer weiß, welche hebräischen Originaltexte welcher Bedeutung verwendet wurden...
Die CD wächst jedenfalls bei jedem Hörvorgang, unabhängig jeglicher textueller Interpretation. Also kauft sie. Das war jetzt aber genug Gmilut Chassadim. Denkt darüber nach. Und für den, der es nicht weiß: Dvar (oder davar) bedeutet manchmal Sache, manchmal Wort, manchmal... und so aufschlußreich präsentieren sich Dvar auch. (jz)

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  Jagdzeit    
 

Dossche feat. Steve Harley
"Ich bin Gott"
MCD (Blauton Musik/Alive)



Der singende schauspielernde (bald kommt "Kinder der Nacht 2", mit Bela B.) Psychologe Guido Dossche ist wieder da, hat Steve Harley mitgebracht, und beide haben vier überarbeitete (respektive, remixte) Versionen des Tracks "Ich bin Gott" mit zum Teil englischen Lyrics im Gepäck. Für die englischen Vocals zeichnet, wen wundert es, Steve Harley verantwortlich. Als Bonus durfte Dossche sich über "Innocence and Guilt" von Steve Harley hermachen. Das Ergebnis "Unschuld und Schuld" ist auf der MCD zu bewundern. Durch die zweistimmige und zweisprachige Aufmachung, insbesondere durch die kehligen Vocals von Harley (sic) lassen alle "Ich bin Gott" Versionen den originären Track auf dem Longplayer "Existenz" hinter sich. Den auditiven Vogel abgeschossen hat aber eindeutig der Remix von Dossches Keyborder Eberhard Arctic. Also einen Pinguin? (jz)

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  Wohlfühlmusik    
 

The Divine Comedy
"Absent Friends"
CD (Parlophone/EMI)



Auf Neil Hannon kann man sich verlassen: Die Alben seines Ein-Mann-Projekts The Divine Comedy, die er mit wechselnden Gastmusikern einspielt, liefern Musik, welche außerhalb des Vereinigten Königreichs leider schnell als seicht und überarrangiert abgestempelt wird. Für Fans beschreiben diese beiden Adjektive jedoch nur die wohlige Vertrautheit, die man schon nach wenigen Takten einer zuvor unbekannten CD empfindet. Jene lässt sich in etwa mit dem Gefühl vergleichen, das man hat, wenn man auf einer neuen Oasis-Platte die kleinen "Don't Look Back In Anger"- oder "Roll With It"-Momente begrüßt - je nachdem, ob man es lieber hymnisch oder bodenständig rockend mag. Auf "Absent Friends" trägt Hannon mal wieder ganz schön dick auf, bewegt sich aufgrund opulenter Orchestereinsätze sogar oftmals an der Genregrenze zwischen Pop und Musical (bestes Beispiel: "Leaving Today"), führt aber gleichzeitig auch die melancholische Linie einiger "Regeneration"-Stücke aus dem Jahr 2001 fort (man vergleiche die Atmosphäre zu Beginn von "The Wreck Of The Beautiful" mit "Eye Of The Needle"). Hannons größte Stärke neben seinem Gespür für raffinierte Melodien ist zweifellos seine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen: Beispielsweise die eines gestressten Geschäftsmannes, der nach einer durchzechten Nacht alles dafür tut, um doch noch rechtzeitig zum Anpfiff des Fußballspiels seines Sohnes nach Hause zu hetzen; nachzuhören in "Come Home Billy Bird", der ersten Singleauskopplung. "Broken bones fuse together/bruises never last for long/but once they're said, words stay spoken/and hearts stay broken from that moment on..." singt Hannon im großartigen "Sticks & Stones" und liefert damit hochwertiges Futter für Lyrik-Liebhaber und Aphorismen-Sammler. Der letzte Titel des Albums endet dann versöhnlich mit den Worten: "When I hold you in my arms, I know that this is a charmed life." Zu kitschig? Nicht, wenn solche Zeilen von Hannons warmer Stimme gesungen werden. Dann können sie dabei behilflich sein, den Alltag zu meistern, oder zumindest - im Falle von Songs wie "Our Mutual Friend" - mit dem nötigen Galgenhumor zu ertragen. Geht ruhig schon mal vor, ich seufze noch ein wenig weiter... (af)

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