Rezensionen  


Interessante Musikveröffentlichungen einmal genauer unter
die Lupe genommen.

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  Album of the month   
July 2003   
 

Electronicat
"21st Century Toy"
CD (Disko B/EFA)



Wahnsinn! Endlich mal ein waschechtes Electroclash Album. Im letzten Jahr konnte ich mich schon von Electronicats Livequaltitäten überzeugen. Seine Songs sind eine grandiose Mixtur aus Elektro und Rock'n'Roll. Einige Tracks hat Fred Bigot alias Electronicat mit G. D. Luxxe Mastermind Gerhard Potuznik produziert ( u. a. "Tonight", "Baby You" und "Gitarkatz"). Genau diese Titel verbinden rotzige Punk-Attitüde mit einer gewaltigen Portion dirty Rock'n'Roll und dumpfen Bassläufen a la Dive. Hier werden nicht nur Fans von Suicide ihre Freude haben. Definitiv das Album-Highlight im Juli! (bz)

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  Kino der Ohren    
 

The Eternal Afflict
"Godless"
MCD (Scanner/Soulfood)



Die Band knüpft erstaunlich nahtlos an ihre 94er "WAR" Ära an. So als wäre eine komplette Dekade einfach weggebrochen. Na gut, die Erfahrungen, die Mark und Cyan in anderen Bands gesammelt haben, sind natürlich nicht spurlos an dieser Vorabmaxi zum kommenden Album "Katharsis" vorbeigegangen. Soundtechnisch scheinen Eternal Afflict sich selber einer Frischzellenkur unterzogen zu haben. "Dream-Eraser" z.B. zeigt es ganz deutlich: TEA klingen nicht mehr so roh und ungehobelt. Der titelgebende Track, in drei nicht sehr differenzierten Versionen vertreten, ist für meinen Geschmack mit etwas zuviel 'Bumms' versehen worden. Hingegen das Stück "Fallen Angel" ist wieder ganz großes Ohren-Kino. Eine ruhige Komposition, in der die markante Stimme von Sänger Cyan, begleitet von femininen Backgroundvocals, besonders zur Geltung kommt. Falls es "Fallen Angel" und "Dream-Eraser" widererwartend nicht auf die Langrille schaffen sollten, wird diese auf 666 handnummerierte Exemplare limitiert MCD für Genre-Fans ein Pflichtkauf. Aber das versteht sich ja von selbst. (sz)

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  Tausendsassa    
 

Errorhead
"Error Rhythm"
CD
(Electric Guitar Player/Soulfood)




Marcus Nepomuk Deml, der Kopf hinter dem "Error", wurde in Prag geboren, wuchs in Deutschland und den USA auf, und hat eine "belastete Vergangenheit". So jedenfalls könnten böse und vor allem voreilige Zungen über Demls Arbeit als Studio- und Tourmusiker sprechen, denn neben "Errorhead" griff der Mittdreißiger bereits für Nena, Rick Astley, das Rödelheim Hartreim Projekt und zahlreiche weitere illustre Namen in die Saiten. Bereits die exotischen Sitarklänge im atmosphärisch-dichten "The Way To..." deuten jedoch an, dass dieses Album weitaus mehr zu bieten hat, als man beim Blick auf Demls Biografie zunächst denken könnte. In "Scratching The Surface" gehen abgefahrene elektronische Spielereien fließend in eine raffinierte, unwiderstehliche Gitarrenmelodie über, die stets mit neuen Wendungen zu überraschen weiß - zusammen mit dem lässigen "Colour Of Your Tear" ein heißer Anspieltipp. "Message Of Love" beginnt irgendwo an der Halfpipe und endet in einer verrauchten Blues-Bar - das muss man in 3 Minuten und 45 Sekunden erstmal schaffen. Das schnelle "Bhakti", welches aufgrund seiner Eingänglichkeit sowohl in einen indischen Tanzschuppen, als auch in den Vorspann einer Sat.1-Talkshow oder eines ProSieben-Infotainment-Magazins passen würde, zeigt allerdings auch, dass Deml den Pop bei all seiner weltoffenen Experimentierfreudigkeit nicht verlernt hat. Manchmal übertreibt er es sogar ein bisschen: Den eher überflüssigen Titel "Cowgirl" hätte er beispielsweise besser gewinnbringend an Right Said Fred verscherbelt, die sicher froh wären, wenn sie so funky Gitarre spielen könnten. Auch die anderen Gesangseinlagen auf diesem Album sind durchaus verzichtbar, da sie sich nur selten homogen ins Gesamtbild einfügen. Sehr angenehm ist dagegen die Tatsache, dass gute Einfälle auf dieser kurzweiligen CD (Spielzeit: 35 Minuten) nicht dutzende Male wiederholt und ausgedehnt, sondern gerne auch mal unkommentiert stehen gelassen werden. Ohne klare Linie, aber voller Ideen! (af)

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  Archiv: E  
   



  Wie immer!  
 

The Exploited
"Fuck The System"
CD (Dream Catcher/Zomba)



So langsam wurde es aber auch Zeit, dass mal wieder eine richtige Punkscheibe auf den Markt geschmissen wird. Die nun schon über 20 Jahre im Musikbusiness existierende Band knallen uns 13 neue Songs entgegen, die nicht mehr ganz so stark in die Metal-Kerbe (wie auf ihrem Vorgängeralbum "Beat The Bastards" aus dem Jahre 1996) einschlagen. Stücke wie "Never Sell Out" oder "I Never Changed" sollen klar stellen, dass die Schotten ihrer Linie treu geblieben sind. Irgendwie erinnern die Titel an die frühen 80er Jahre, eine Dekade, wo die letzten guten Punkrock-Platten veröffentlicht wurden. Wenn man bedenkt dass die heutigen Medien Pink und Avril Lavigne als Punk bezeichnen und irgendwelche Ami-Bands Sorte 'Offgreen' den modernen Punk frönen, kann man nur froh sein, dass sich ab und zu mal ein paar alte Musikhasen zurück melden. (bz)

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  große Emotionen?    
 

Elektrochemie LK
"Come Right On Time"
CD (Eastwest/Warner Music)



Nach dem Debüt-Longplayer "Gold" aus dem Jahre 2001 legt der Bremer DJ und Produzent Thomas Schumacher mit seinem neuen Album "Come Right On Time" nach. Die Weiterentwicklung seines Dance-Sounds und die gleichzeitige stärkere Einbindung von Songstrukturen ist unüberhörbar. Weg vom kühlen Techno, hin zu den großen Emotionen? Nicht ganz, viel mehr verschmelzen diese beiden Elemente zu einer netten Melange aus klassischen Songwriting und loop-orientierten Sounds. Das clubbige Elektrofundament mit den massiv groovenden Basslines ist immer noch dominierend, nur wird dieses von einem Gerüst aus schönen Popmelodien, Volcals und trippigen Elementen mit einem Schuss Soul umhüllt. Nicht ganz unschuldig daran ist die Liaison mit der australischen Sängerin und Songwriterin Caitlin Devlin, die einen Großteil der Songs auf "Come Right On Time" geschrieben hat. Oft erhebt sich der Gesang sogar in den Vordergrund, wie beim Song "You Know", eine Kooperation mit Inga Humpe (2raumwohnung), die Thomas Schumacher bereits vor einigen Jahren in Berlin kennen lernte. Auch ist eine Coverversion des 84er Songs "Lie To Me", einer bekannten britischen Elektropop-Gruppe zu hören. Im Jahr 2000 bekam Schumacher gleich zwei German Dance Awards für seinen Track 'Schall' als "bestverkaufte Vinyl" und dem dazugehörigen Video verliehen - nicht ganz ohne Grund. "Come Right On Time" ist ein Album, welches sich im Laufe seiner Spielzeit, dank Caitlin Devlin’s unter die Haut gehenden, lasziven Stimme und einem gewissen Vibe zu entfalten weiß. (mk)

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  ruhiges Einstürzen    
 

Einstürzende Neubauten
"Perpetuum Mobile"
CD (Mute/EMI)



Keine andere deutsche Band außer Kraftwerk und den Einstürzenden Neubauten hat es je verstanden, zu einem Fixpunkt im Klang-Universum zu werden. Gerade die Neubauten konnte man über die Jahre spätestens seit "Ende Neu" bei ihrer Ausformulierung eines ästhetischen Konzeptes begleiten, welches angeführt wird vom inzwischen zum Luxus-Boheme transformierten Blixa Bargeld, dessen Lyrik ähnlich feinkristalline Formen angenommen hat wie die dazugehörige Musik. Da regiert schon lange nicht mehr der Krach, sondern das kunstvolle Spiel der Verdichtung durch Reduktion bei gleichzeitiger Weiterentwicklung der kompositorischen Fähigkeiten. Was Arvo Pärt für die Klassik tut, machen die Neubauten vielleicht für die sog. U-Musik. "Ein seltener Vogel" z. B. steigert sich aus seinem meditativen Anfang heraus in ein Neubauten-typisches, aufbegehrend-bedrohliches Mantra, verpackt in ein transparentes, den Klängen ihren Platz zugestehendes Arrangement, der Effekt tritt zugunsten des Songs in den Hintergrund. Dass so eine Musik Zeit, Ruhe und Konzentration braucht, versteht sich von selbst, und so erschließen sich nach wiederholtem Hören mehr und mehr Dimensionen von Text und Musik, was nicht heißt, dass diese Platte besonders schwer zugänglich sei, nach NeubauT'schen Maßstäben haben jene vielmehr eine Entspanntheit entwickelt, die sich als angenehme Grundstimmung auf dem Album widerspiegelt, unverkennbar dabei allerdings bleibt ihre Klaviatur der Klänge. Das Phänomen Einstürzende Neubauten bereichert sich selbst um ein neues Kapitel, an dem man regelmäßig lesen kann, ohne zu gähnen. Wem nicht gefällt, dass die Protagonisten sich an anderen Orten als im Underground tummeln, hat Blixa Bargeld wohl nie zugehört oder das im Namen verdinglichte Pop-Konzept nicht verstanden. (ap)

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