Rezensionen  


Interessante Musikveröffentlichungen einmal genauer unter
die Lupe genommen.

Archiv:  0 - 9   A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z


Zur Übersicht der Rezensionen

   
  Offical Version 2003    
 

Front 242
"Still & Raw"
CD-EP (XIII Bis/Edel)



Nach zehn Jahren ("05:22:09:12 Off" erschien 1993) melden sich die belgischen EBM-Heroen mit neuen Songs zurück. Mystisch-athmosphärisch und geheimnisvoll treten die sechs Tracks in Erscheinung. Teilweise erinnert mich die Soundkulisse ein wenig an die "Mixed By Fear"-EP (vor allem "Collision"). Auf "Loud" und "Strobe" tritt der Gesang von Jean-Luc De Meyer in den Vordergrund und dürfte somit auch den konventionellen Electro-Hörer überzeugen. "Still & Raw" gehört auf jeden Fall zum ausgereiftesten 242 Material überhaupt. Sehr moderne und spannende Produktion. Am besten schnell zugreifen, da es sich um eine streng limitierte Auflage handelt. Ich bin schon auf das kommende Album gespannt. Für mich bereits jetzt das Comeback des Jahres!! (bz)

Top

 



  Dein neuer Jesus    
 

Ferris MC
"Audiobiographie"
CD (Sony Music)



Neue Texte, altgewohnter Haß und freie Meinung schlagen dem Hörer Ferris MC's "Audiobiographie" ins Innenohr. Der "King is back", mit einem gebündelten Überraschungsangriff netter Beatz und feiner Lyrics. Textuell sowohl als auch texturell (wo ist denn da jetzt der Unterschied?) in gewohnt hoher Prägnanz und Akkuratesse, der Text ist noch erwachsener und autarker geworden, der musikalischen Textur merkt man den Feinschliff von Tobitob an. Ferris MC ist und bleibt IMHO die erste Wahl, wenn es um Empfehlungen deutschen HipHops an Andershörende geht. Einer, der etwas zu sagen hat, und auch vor (scheinbaren) Widersprüchen (wettern gegen die "Popstarz" und Business-Collabo am Start) und der (unbekümmerten) Zwangsvereinigung von Genre-immanenten Proll & Battle-Lyrics und sehr persönlichen, nachdenklichen, verletzlichen Tracks auf einem Silberling nicht zurückschreckt. Meine Anspieltipps: "Audiobiographie", "Zur Erinnerung" und "Gott & Teufel". (jz)

Top

 



  ins Leere und zurück    
 

Funhouse
"Flames of Love"
CD
(M&A Music Art/SX Distribution)




Anklänge an gewisse alte Bekannte lassen sich ja nun wirklich nicht verleugnen. Aber damit sei auch schon genug dazu gesagt ... Funhouse, das ist guter Gitarren Gothic aus Schweden. "Flames of Love", das ist der Titel des neuen Longplayers der auch in deutschen Landen gern gesehenen Truppe (z.B. auf dem WGT). Music Art ist das schwedische Label mit dem Slogan "We know what's goth for you". Und in meinen Gehörgang schmeicheln sich derweil zehn schwermütige Klangperlen. Und die Lyrics von Vocalist Mikael Körner offenbaren viele Facetten der Schwere des Verlassenen. Ob das wohl zum Teil an der Trennung von seiner Frau liegen mag ... Wer weiss. Wer sich meine eigene Meinung hören möchte, höre sich "Chosen One" an. Wer sich seine eigene Meinung hören möchte, höre die CD ganz durch. Oder einen beliebigen anderen Track. Und jetzt noch ein Zitat: Nur keine Panik, Kleine ... Sei willkommen in KnallGothLand!
Der Link auf die Homepage von Funhouse sei hier der Vollständigkeit halber noch genannt, denn die meisten Links führen ins Leere, so auch der von den Seiten des Labels. (jz)

Top

 



  Geister, die ich rief    
 

Fantômas
"Delirium Cordia"
CD (Ipecac Records/EFA)



Es ist zu spannend. Man kann gar nicht anders, als weiter hinzuhören. Eine knisternde Plattennadel. Herzschläge. Seufzen. Choräle. Dann geht es los und die Geisterbahn rollt in eine Welt, der der Wahnsinn buchstäblich ins Gesicht geschrieben steht. Ein tonaler Fiebertraum. Nichts bleibt erspart. Halluzinationen. Schweißausbrüche. Epilepsie. Kreislaufkollaps. Was das alles soll und noch mit Musik zu tun hat? Mike Patton, Hauptinitiator von Bands, wie Tomahawk, gibt auf diesem Album den Schelm, der Böses dabei denkt. Spukend treibt er als Schreckgespenst zusammen mit Buzz Osborne, Dave Lombardo und Trevor Dunn den hinterhältigsten Grusel-Schabernack und somit beständig kalte Schauer über den Rücken. Fiese Trommel-Salven, krachende Gitarren, ein grausames Pfeifen, plätschernde Wasser, Weckerrasseln, gellende Schreie, ein eisiger Wind. An Bord des Geisterbahn-Waggons, der während der 74 Minuten an keiner einzigen Trackmark Halt macht, glaubt man noch Edgar Allan Poe, Alfred Hitchcock und John Carpenter zu wähnen, die scheinbar unbedingt noch einmal etwas Großes erleben wollten. Fantômas ist der Mann, der nachts plötzlich in einer dunklen Ecke deines Zimmers steht und dich im Mondlicht mit seinen flackernden, rollenden Augen ansieht und dabei mit der Zunge schnalzt. Den du nicht sehen willst, aber dennoch sehen musst. Es gibt kein Entrinnen. (hm)

Top

 



  the last 'last one'    
 

Front Line Assembly
"Civilisation"
CD (Synthetic Symphony/SPV)



Nach einer kleinen Auszeit kehrt Rhys Fulber, der neben seinem Projekt Conjure One (aktuelles Album "Conjure One") als Produzent für Fear Factory und Paradise Lost im Musikbuisness hoch im Kurs steht, zu Frontline Assembly zurück. Bill Leeb und Rhys Fulber haben ein überaus ausgeglichenes Album geschaffen, lassen dabei die überladenen Industrial-Electrotracks, wie sie Mitte der neunziger Jahre zum Hauptbestandteil einer Frontline Assembly Veröffentlichung gehörten, weit hinter sich und räumen dafür mehr Platz für atmosphärisch dichte Songkompositionen ein. Meisterhaft in Szene gesetzte Melodien und intelligent eingesetzte Samples aus dem breiten Spektrum der elektronischen Musiklandschaft bestimmen das Gesamtbild dieser Frontline Assembly Produktion. Der verstärke Einsatz von wundervollen Frauengesang unterstreicht noch einmal die Genialität von Bill Leeb und sein erfolgreiches Projekt Delerium (auf dem aktuellen Delerium Album "Chimera" hat Rhys Fulber übrigens wieder mitgewirkt!). Trotzdem bietet "Civilisation" auch energiegeladene Electrotracks. Neben der Vorabsingle "Maniacal" wird "Psychosomatic" für regelmäßige Clubeinsätze sorgen. Im Vorfeld zur "Civilisation" Veröffentlichung wurde bekannt gegeben, dass es sich um das letzte Frontline Assembly Album handeln soll. Hoffentlich überlegen sich Bill und Rhys dieses Vorhaben noch einmal ganz genau. Mit ihrem aktuellen Release beweisen sie zumindest, dass ihr künstlerisches Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist. Und wenn es sich wirklich um das letzte Album handeln soll, wäre eine letzte große Frontline Assembly Tour angebracht...aber bitte ohne Bill Leeb-Double. (bz)

Top

 

  Archiv: F  
   



  Album of the month   
September 2003   
 

Fiel Garvie
"Leave Me Out Of This"
CD (Alison Records)



Das warten hat ein Ende. Die fünf Musiker aus Norwich veröffentlichen nach ihrem mehrfach preisgekrönten Debüt "!Vuka Vuka!" ihren neuen Longplayer "Leave Me Out Of This". Diesmal haben Fiel Garvie Phil Vinall als Produzent ausgewählt. Mr. Vinall hat zum Beispiel schon mit Pulp, The Auteurs und Elastica zusammengearbeitet. Bezaubernder Dreampop mit einer traumhaften Sängerin. Ihre nach Zuneigung und Liebe schmachtende Stimme gibt im kompletten Album den Ton an. Ein emotionsgeladenes Wechselbad der Gefühle. Teilweise erinnert der Gesang ein wenig an Alison Shaw (The Cranes). Zentrales Thema der CD: Liebe(skummer). Wer so herzergreifend singt wird nicht lange alleine sein. Alle elf Lieder überzeugen auf ganzer Linie. Besonders hervorzuheben sind neben der Vorabsingle "I Didn't Say" die Songs "Reeling As You Come Around Again" (Gänsehaut!) und "Got A Reason". Allein "Got A Reason" ist schon ein Kaufgrund. Ein wunderschönes Digipack veredelt die ohnehin schon wundervolle Musik von Fiel Garvie. Das Album läßt sich ohne Probleme zwischen Björk und den Cocteau Twins in die Plattensammlung einsortieren. Ein absolutes Meisterwerk! (bz)

Top

 



  Kindheitstraumata    
 

Fearing Christmas
"Turm schlägt Pferd, Schachmatt."
CD
(Lunatic Asylum/SX Distribution)




Laut Band liegen dem Bandnamen keine Kindheitstraumata zugrunde. Der Titel der CD stammt aus einer Zeile einer Berliner Band, und wurde als Arbeitstitel gewählt, da Luke (eigentlich Lutz, Gesang) und Sascha (Musik) ihn "einfach so schräg fanden". Die Rede ist von der musikalischen Eigenproduktion einer Band in einem Studio in Viersen. Der Umsetzung (un)konventioneller Ideen. Backward masking trifft auf Soundtüftelei wird gekrönt von psychisch beklemmender Lyrik. Meine Highlights sind "Zweifler" (dazu gleich noch mehr) und beide Mixe von "Wave" (da muß ich anderen Rezensenten beipflichten, dieses Stück ist schon fast tanzbar). Man hört dem Album zwar die Eigenproduktion an, aber die elf Jahre Bandgeschichte halten gut dagegen. Und für den, der sich (wie ich) gefragt hat, was für ein seltsames Sample am Anfang und auch am Ende von "Zweifler" verwendet wird: Es ist der ominöse rückwärtsgespielte zehn Sekunden lange Text: "Seitdem ich weiß, ähm, daß, äh, er eine Vorgeschichte in Dortmund hat, kann ich mir vorstellen, daß er, aufgrund, der in Deutschland [..]". Dazu kommen (in natürlicher Richtung) die Samples: "Sag mal, was machst Du da eigentlich?" und in variablem Tempo: "Nach dem Regen kommt kein Sonnenschein". Alle Angaben wie immer ohne Gewähr. Da bleibt mir nur, den Anfang von Lukes Vocals zu zitieren: "Wer immer noch glaubt, das alles hat einen Sinn, dem sei die Illusion geraubt, weil ich der Zweifler bin [..]". Mir gefällts. Aber wohl nicht jedem. MP3s zum Testen und weitere Rezensionen und Interviews findet man auf der Homepage der Band. (jz)

Top

 



  Sehnsucht    
 

Final Selection
"Heading For Graceland"
CD-EP (Black Flames/Alive)



Synthesizer zaubern zarte Melodien. Dazu englische Poplyrics von dem Duo aus Plauen. Ein durch Gespür für Ästhetik überzeugendes Coverartwork und durchdachte Arrangements vertrösten mit "Heading for graceLand" den Fans nach dem Debutalbum "Antihero" die Wartezeit auf den nächsten Streich. Die CD versteht sich als eine Art gespaltene EP, aufgebaut aus fünf neuen Titeln ("daydReams") und sechs Remixen ("nightsHades"). Von den neuen Tracks vermochte mich eigentlich nur der Namensgeber der EP vollständig zu überzeugen. Bei den Remixen sah die Sache da anders aus: alle Remixe sind gelungen. Eine besondere Ohrenweide sind die "i never wanted more" Remixe von Aslan Faction und Rector Scanner. Und die Sehnsucht nach Weite und Raum wird am besten im Remix von "white star" durch NamNamBulu deutlich. Diese CD sollte nicht in der gutsortierten Electro-Pop Sammlung fehlen. Den Nichtsammlern gebe ich nur eine eingeschränkte Kaufempfehlung, hört vorher auf jeden Fall rein. (jz)

Top

 



  Gefiepse    
 

Fairlight Children
"808 Bit"
CD (Synthetic Symphony/SPV)



Was kommt dabei raus, wenn Stefan Groth (Apoptygma Berzerk) und zwei Freundinnen (Tiff und Marianne B) ihren Dachboden aufräumen und dabei ihre alten Telespiele und Fairlight Synthesizer wieder entdecken? Man schwelgt in den alten Zeiten und gründet eine neue Band (oder ein Projekt - wie auch immer...) und huldigt die elektronische Musik der achtziger Jahre. Das Trio Fairlight Children (der Name ist Programm!) verknüpfen Electro Pop, New Wave, Disko und wirres Comodore C=64 Computergame-Gefiepse zu spaßigen Retro-Songs, die in Anbetracht der großen Beliebtheit des anachronistischen Electro-Pop-Sounds gar nicht besser in unsere heutigen Zeit passen. Neben der Single "Before You Came Along" überzeugen vor allem "Electropulse" und "Invade My Heart Tonight". Synthetische Popkompositionen mit Chart-Appeal! Einziger Schwachpunkt: das Soft Cell Cover "Bedsitter" - überflüssig, denn das Album "808 Bit" würde auch ohne Coverversion funktionieren. Hoffentlich bleibt es nicht bei einem Album, denn Fairlight Children haben mit ihrem Debütalbum wirklich gute Arbeit geleistet. (an)

Top