Rezensionen  


Interessante Musikveröffentlichungen einmal genauer unter
die Lupe genommen.

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  Tanzkarate    
 

Golden Boy with Miss Kittin
"Autopilot"
MCD (Ladomat 2000/Mute/EMI)



Den Autopiloten eingeschaltet und mit Karacho auf die Tanzfläche. Nach "Rippin Kittin" kommen Miss Kittin und ihr Lieblingsschweizer Golden Boy mit der zweiten hitverdächtigen Singleauskopplung "Autopilot" aus dem überaus erfolgreichen Album "Or" aus den Löchern gekrochen. Die CD-Version der Maxi startet mit dem Casino Remix von Decomposed Subsonic, der recht nah am Original gehalten, nur etwas weniger minimal daher kommt. Nach der darauffolgenden Original-Version ertönt dann die erste, der beiden Waldorf-Interpretationen, die übrigens am meisten herausstechen. Mit E-gitarren-ähnlichen Sounds wirkt der Mix recht trashig und rau. Es folgt Marcho's Full Synthetic Rework, welchen man als netten, leicht verfrickelten Deep House bezeichnen könnte. Danach der Nachtfahrt-Remix von Smash TV. Elektro, durchtränkt mit einem percussiven Beat. Die Extended Version von Decomposed Subsonic ist wieder extrem straight und clubfreundlich. Nachdem man sich nun endgültig beim um die Wette tanzen verausgabt hat, werden beim Waldorf 2 Remix mindestens zwei Gänge zurückgeschaltet. Denn diese stark reduzierte, beatlose und mit Streichern versetzte Version ist genau das richtige zum zurücklehnen und genießen, während der Autopilot einen sicher durch die Nacht führt. "I love to drive at night" singt Miss Kittin - natürlich am liebsten im schicken Cabriolet. Die Scheibe, die voll von Verspieltheit, Charme und Doppeldeutigkeiten ist und von einem Leben zwischen Dada und Delirium erzählt, erwärmt das Herz jeden Liebhabers von minimaler Dancemusik und Electroclash, ähm pardon, Post-Punk.
Denn Electroclash war ja 'last season'. (mk)

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  Pakt der Vögel    
 

Grundik + Slava
"...For Electronics And Birds"
CD (Stateart)



Hm. Das ist also Ambient, wenn sich ein Russe und ein Israeli mit einigen Vögeln zusammenschliessen, um anschliessend Musik zu machen? Scheint so. Eine Anmerkung vorweg: Die insgesamt 10 Tracks auf der CD sind mir persönlich insgesamt etwas zu höhenlastig. Sieht man einmal davon ab, so ist die CD eine annehmbare Soundcollage aus bevorzugt elektronischen Samples, die streckenweise leider recht lustlos über Vogelstimmen gelegt wurde. Zum Entspannen ist die CD zu anstrengend, und leider schafft es auch kein Stück über die Grenze zum Ungewöhnlichen, zum Un(über)hörbaren, zum Außergewöhnlichen. Grundik + Slava werden sicherlich ihre Nische finden und bedienen, leider sind die angestrebten guten Ideen zumindestens auf diesem Album noch nicht ganz ausgereift. Mal sehen, ob dieses Manko in Zukunft behoben sein wird. (jz)

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  Archiv: G  
   



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Grandchaos
"La Forge"
CD (Galaxy Records)



Tcheleskov Ivanovitch's Karriere reicht zurück bis 1983, als er die Elektro-Band IDLO gründete. Als die Aktivitäten der Band nachließen, gründete er das Soloprojekt Grandchaos, womit er 2000 die Platte "Pèlerin" herausbrachte. Nun, drei Jahre später, veröffentlicht der Belgier (nicht Osteuropäer, wie der Name vermuten lässt) "La Forge", ein Minialbum. Direkt beim ersten Track wird deutlich, wo der Hase lang läuft. Verzerrte Vocal Samples, einen metallischen Beat, der mal asymmetrisch, mal schnurstracks geradeaus die Songs trägt und krachige Soundcollagen - das sind die Hauptzutaten der fünf Tracks der EP. Fern des momentanen Futurepop-Trendes, schlägt sich hier ganz deutlich der belgische EBM-Background nieder. Bei dem derzeitigen Overkill sind diese klassischen Elektro-Sounds, die ohne jeglichen Gedanken an kommerziellen Erfolg konzipiert wurden, recht erfrischend. Dabei macht "La Forge" dem Namen Grandchaos alle Ehre, denn stellenweise erscheinen die Songs etwas unstrukturiert, was zwar nicht unbedingt zur Clubtauglichkeit beiträgt, aber den künstlerischen Anspruch hebt und das Album so interessanter macht. Das ganze erinnert ein wenig an die frühen Klinik- oder Front 242-Sachen. Die kalten EBM-Sounds, die roh und minimalistisch aufgebaut sind, sind zwar nicht neu, klingen aber durch ihre Strukturierung frisch und nicht altbacken. Auch inhaltlich knüpfen die Songs, bei denen Tcheleskov zum ersten Mal seine Stimme einbringt, an technoid-industriell-mystischen Themen an. Mal geht es um ein Computerspiel mit Soldaten, die versuchen sich an ihren Zugangs-Code zu erinnern oder eine PC-Bedienungsanleitung, die als Bibel angesehen wird. Ein andermal dreht es sich um einen herabstürzenden Halbgott oder die zusammenwachsenden Erde, die wir nicht tauschen können. Wer auf experimentellen und minimalistischen Oldschool-Electro steht, sollte hier auf jeden Fall mal reinhören. (mk)

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